Ärzte Zeitung online, 01.02.2018

Feind im eigenen Zimmer

Yukkapalme durchbohrt Ohr – dauerhafter Hörverlust möglich

Von unheilvollen Begegnungen des menschlichen Ohrs mit einer Yukkapalme berichten Forscher aus Australien. Der spitze Dorn des Palmblatts ist offenbar prädestiniert, sich durch das Trommelfell und – wenn es dumm läuft – bis ins Innenohr zu bohren.

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Vorsicht vor den Blättern einer Yukka-Palme: Die Perforation des Trommelfells führte bei einigen Patienten zu bleibendem Hörverlust.

© Getty Images/iStockphoto

MELBOURNE. Was passieren kann, wenn ein Ohr auf das spitze Blattende einer Yukkapalme trifft, schildern Dr. Maria Vartanyan und Kollegen vom Royal Victorian Eye and Ear Hospital in Melbourne in ihrer Fallserie.

 Die meisten der insgesamt 28 betroffenen Patienten waren glimpflich davongekommen; sie hatten sich lediglich eine unkomplizierte Perforation des Trommelfells zugezogen, die rasch abheilte (Clin Otolaryngol 2018, online 16. Januar).

Deutlicher Hörverlust

In vier Fällen jedoch hatte die Verletzung zur Bildung einer Perilymphfistel (PLF) mit bleibendem Hörverlust geführt. Das Tückische: Der Fisteltest – Druck auf den entsprechenden Tragus zur Provokation von Nystagmus – war bei Erstpräsentation bei allen vier negativ ausgefallen.

Zudem zeigten die Patienten Hinweise auf einen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel, was dazu beitrug, dass die korrekte Diagnose erst mit großer Verzögerung gestellt wurde.

Alle vier PLF-Patienten hatten angegeben, sich nach der Verletzung über mehrere Tage "schwindlig" gefühlt zu haben. Nachdem sich der Schwindel gelegt hatte berichteten sie über ein unspezifisches Gefühl von Benommenheit sowie Stand- und Gangunsicherheit.

Im Tonaudiogramm zeigte sich bei den Betroffenen ein deutlicher Hörverlust, entweder rein sensorineural oder gemischt. Der Dix-Hallpike-Test auf benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (BPPV) war in zwei Fällen positiv. Angesichts des fehlenden Nystagmus im Test hatten die HNO-Ärzte das Risiko einer PLF in allen Fällen zunächst als gering eingestuft – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Wochenlange Auswirkungen

Bei einem Patienten – dieser litt unter einem progredienten sensorineuralen Hörverlust –, trat noch einen Monat nach dem Unfall mit der Yukkapalme beim Valsalva-Manöver Schwindel auf, hinzu kam eine unilaterale periphere vestibuläre Insuffizienz, allerdings ohne Druckempfindlichkeit.

Dies veranlasste die Mediziner, eine CT-Untersuchung durchzuführen. Hier konnte man deutlich sehen, dass Luft ins Labyrinth eingedrungen war, sowohl im seitlichen Bogengang als auch im Bereich des Vestibulums.

Beim zweiten Patienten war das Trommelfell bereits wieder verheilt, als er sich mit einem völlig tauben Ohr in der HNO-Klinik vorstellte. Die vestibuläre Untersuchung war hier bis auf den positiven Dix-Hallpike-Test unauffällig und auch das CT lieferte keine besonderen Befunde. Die Behandlung erfolgte zunächst unter dem Verdacht auf einen BPPV.

Zwei Monate später entwickelte der Patient jedoch eine akute Otitis media mit erneuter Trommelfellperforation, was dann noch zu einer Labyrinthitis und beginnender Meningitis führte.

Dringender Verdacht auf PLF

Alle vier Patienten, so berichten Vartanyan und ihre Kollegen, wurden letztlich chirurgisch behandelt. Das Hörvermögen blieb jedoch in allen Fällen stark eingeschränkt. Die Fisteln befanden sich in zwei Fällen im Bereich des runden Fensters, in einem am ovalen Fenster. Beim vierten Patienten zeigte sich keine aktive Fistel mehr, aber das runde Fenster war von Granulationen überwuchert.

Den HNO-Experten zufolge war der ins Ohr eindringende Dorn des Palmblatts unmittelbar schuld an den Komplikationen. Dieser hatte sich offenbar genau durch jeweils eines der Cochlea-Fenster gebohrt. Wie die Autoren betonen, stellt die traumatisch bedingte PLF einen chirurgischen Notfall dar. Bei zeitnaher Behandlung lasse sich der Hörverlust in bis zu 50 Prozent der Fälle zumindest bessern.

Die Botschaft der Experten für den HNO-Arzt: Vor allem bei einem von posterior perforierten Trommelfell bei gleichzeitiger Schallempfindungsschwerhörigkeit oder begleitendem Schwindel besteht dringender Verdacht auf eine PLF, und zwar auch dann, wenn klinische Tests negativ ausfallen.

Durch Symptome eines BPPV sollte man sich nicht in die Irre führen lassen, diese können durch die ins Labyrinth eingedrungene Luft verursacht sein.

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