Ärzte Zeitung online, 08.05.2017

TSH-Wert

Verlaufskontrolle ist nötig!

TSH- und Schilddrüsenhormon-Messungen können bei einer einmaligen Blutuntersuchung stark variieren. Professor Dagmar Führer rät daher bei grenzwertigen TSH-Werten zunächst zu einer Verlaufsuntersuchung.

Von Anne Bäurle

WIESBADEN. Bei grenzwertigen TSH-Werten wird ja zunächst eine Kontrolluntersuchung empfohlen. Wie wichtig diese ist, ist in den vergangenen Jahren wieder in mehreren Studien bestätigt worden. Denn TSH-Werte variieren nicht nur interindividuell, etwa innerhalb eines Referenzbereichs, sondern auch intraindividuell – dies allerdings nur in geringem Ausmaß.

Professor Dagmar Führer vom Universitätsklinikum Essen macht in ihrem Manuskript zum Internisten Update 2016 / 2017 unter anderem auf eine Studie aufmerksam, in der geprüft wurde, wie der Zeitpunkt der Blutentnahme oder das Nüchternsein den TSH-Wert beeinflusst (Clin Biochem 2015; 48(18):1347-1349).

Deutliche Unterschiede

Bei 128 gesunden Probanden wurde in der Studie jeweils zweimal die TSH-Konzentration bestimmt. Führer beschreibt den Studienaufbau wie folgt: "In drei Gruppen A-C eingeteilt, erhielten alle Patienten jeweils morgens zwischen sieben und acht Uhr im nüchternen Zustand die erste Blutabnahme. Sie wiesen dabei im Schnitt TSH-Konzentrationen um 2,2 mU/l auf." Die zweite Messung sei bei der ersten Teilnehmergruppe 140 Minuten nach der ersten Blutabnahme im weiterhin nüchternen Zustand erfolgt. Auch bei der zweiten Gruppe erfolgte die zweite Messung 140 Minuten nach der ersten Blutabnahme, allerdings hatten die Teilnehmer zwischenzeitlich ein Frühstück eingenommen. Bei der dritten Gruppe sei die zweite Blutabnahme nach 24 Stunden erfolgt.

Die Forscher um Dr. Bosa Mirjanic-Azaric vom Clinical Centre Banja Luka hätten dabei festgestellt, dass die TSH-Konzentrationen zum Teil deutlich variierten: In den ersten beiden Gruppen sei es zu einem deutlichen Abfall der TSH-Konzentration um etwa 29 Prozent gekommen, wohingegen bei der dritten Gruppe lediglich ein Abfall von 13 Prozent zu beobachten gewesen sei. "Es empfiehlt sich, die Werte generell aus dem morgendlichen Nüchternblut zu entnehmen", merkt Führer dazu an.

Tageszeit ist entscheidend

Neben der Tageszeit untersuchten US-amerikanische Forscher in einer weiteren Studie, auf die Führer hinwies, auch die Variablen Alter und Geschlecht (Thyroid 2015; 25(8): 954-961). 465.593 Datensätze zur TSH-Konzentration von Teilnehmern ohne Schilddrüsen-Erkrankung im Alter zwischen ein und 104 Jahren analysierten Dr. Joel Ehrenkranz vom Intermountain Central Laboratory in Murray, Utah und sein Team. Bei allen drei Variablen stellten sie signifikante Unterschiede fest.

Besonders eindrucksvoll sei der Unterschied bei der Tageszeit der Blutentnahme gewesen, so Führer: Um Mitternacht seien deutlich höhere Werte für die 97,5%-Perzentile gemessen worden als am späten Vormittag. "Zusätzlich fiel eine jahreszeitliche Schwankung der TSH-Referenzbereiche auf: So lag die 95. Perzentile bei 4,31 mU/l im August vs. 6,06 mU/l im Dezember", schreibt die Endokrinologin. Noch ausgeprägtere Schwankungen hätten sich für die Verläufe der fT4-Konzentration gezeigt.

Auch eine dritte Studie bestätige, wie wichtig Verlaufsuntersuchungen bei grenzwertigen TSH-Werten seien, so Führer. Dr. Pedro Rosario vom Instituto de Ensino e Pesquisa da Santa Casa de Belo Horizonte und seine Kollegen werteten über einen Zeitraum von fünf Jahren die Daten von 252 Frauen aus, bei denen die TSH-Werte zu Beginn zwischen 4,5 bis 10 mU/l lagen (Clinical Endocrinology 2015; 84(6): 878–881).

Von den 241 Patientinnen, die das Studien-Follow-up von fünf Jahren abgeschlossen hatten, mussten nur 19 Prozent mit Levothyroxin (L-T4) behandelt werden. Bei 23 Prozent der Frauen normalisierte sich der TSH-Wert wieder, bei 58 Prozent stellten die Wissenschaftler unveränderte, und damit nur grenzwertige TSH-Werte fest. Eine multivariate Analyse der Forscher ergab zudem, dass nur die Patientinnen eine Substitution mit L-T4 benötigten, deren TSH-Werte zu Beginn der Studie über 8 mU/l lagen. "Die Daten zeigen, dass die einmalige TSH-Messung gerade bei Werten im Grenzbereich nicht zuverlässig ist", merkt Führer dazu an.

Für die Praxis legt sie daher dringend nahe, vor einer Diagnosestellung und vor Therapiebeginn an Einflussfaktoren der Präanalytik und Analytik zu denken. Bei grenzwertigen TSH-Werten sei daher eine Verlaufsuntersuchung durchzuführen, in aller Regel sei hierfür ein Intervall zwischen sechs und zwölf Wochen ausreichend.

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