Ärzte Zeitung, 01.12.2004

HINTERGRUND

In Deutschland hat die Zahl der Migranten, die mit dem Aids-Erreger infiziert sind, zugenommen

Von Peter Leiner

In Deutschland sind derzeit etwa 44 000 Menschen HIV-positiv, davon 9500 Frauen und etwa 300 Kinder. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) waren vor zehn Jahren noch etwa 55 Prozent der erstmals mit einer HIV-Infektion diagnostizierten Menschen Frauen unter 30 Jahre. Heute sind es nur noch 47 Prozent.

Zwei Dominikanerinnen studieren ein Aufklärungsheft. Viele Frauen in der Karibik, aber auch Migrantinnen sind nicht oder schlecht über Aids informiert. Foto: dpa

Seit mehreren Jahren wird jedes Jahr konstant bei etwa 400 Frauen die HIV-Infektion neu diagnostiziert. Dabei sind jedoch Veränderungen je nach Infektionsweg zu beobachten. So ist die Zahl der Frauen, die sich bei intravenösem Drogengebrauch und auf heterosexuellem Wege infizieren, leicht gesunken, so das RKI. Dagegen ist der Anteil der HIV-Infizierten Frauen, die aus einem Land südlich der Sahara, aus Südostasien oder aus der Karibik kommen, in den vergangenen zehn Jahren von 14 Prozent auf 48 Prozent gestiegen. Ursächlich für den Anstieg ist auch eine bessere Erfassung der Infizierten.

Infizierte Migranten sollten in Deutschland behandelt werden

Wie berichtet, liegt der Anteil der weiblichen Migranten aus diesen Regionen unter den in Deutschland diagnostizierten HIV-Infektionen bei über 50 Prozent. Bei Migranten aus anderen Regionen der Welt sind es maximal 30 Prozent.

Einer aktuellen Studie im Auftrag der Stadt München zufolge leben dort illegal etwa 30 000 Migranten. Unter den Migranten sind auch einige, die HIV-infiziert sind. Wie viele es sind, weiß niemand. Der HIV-Therapeut Dr. Hans Jäger aus München plädiert dafür, diese Menschen nicht in ihre Heimatländer abzuschieben. "Wenn sie schon hier sind, sollten sie auch die erforderliche antiretrovirale Therapie erhalten", sagte Jäger bei den 10. Münchner Aids-Tagen.

So sieht es auch die Rechtsanwältin Christine Thomas-Khaled vom Africa Center in Berlin. Solange nicht mit hinreichender Sicherheit gewährleistet sei, daß der behandlungsbedürftige Mensch im Heimatland auch tatsächlich eine lebenserhaltende und -verlängernde Medikation erhalten könne, sei eine Abschiebung aus rechtlichen und humanitären Gründen unzulässig.

Sie verweist dabei auf die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen: Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist ein Menschenrecht. Zur Erinnerung: Etwa 440 000 Menschen der 25 Millionen Infizierten erhalten derzeit im südlichen Afrika eine antiretrovirale Therapie, nur etwa fünf Prozent aller dort lebenden HIV-Infizierten haben Zugang zu lebenserhaltenden Behandlungen, wie Dr. Nina Rümmelein aus Garmisch-Partenkirchen in München sagte. Bis 2005 sollen in dem WHO-Projekt "3 by 5" drei Millionen Menschen mit Medikamenten gegen HIV versorgt sein.

Wie wichtig die Berücksichtigung von Migranten bei der HIV- und Aids-Prävention ist, verdeutlichen auch die Ergebnisse der Studie "HIV/Aids und MigrantInnen", unter anderem der SPI-Forschung gGmbH. Die Studie wurde durch die Europäische Kommission und das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung gefördert. In der Studie wurden 2004 mehr als 1500 Migranten in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und Griechenland befragt. In Berlin und Brandenburg haben über 300 Menschen teilgenommen. 35 Prozent von ihnen stammen aus Osteuropa, etwa 32 Prozent aus Ländern südlich der Sahara und fast 24 Prozent aus Osteuropa. Der Auswertung der Daten von 260 Teilnehmern in Berlin und Brandenburg zufolge erreichen die derzeitigen Präventionsmaßnahmen Migranten in Deutschland nicht in gleichem Maße wie die Allgemeinbevölkerung (Epidem Bulletin 48, 2004, 416).

Vielen fehlt das Basiswissen für eine optimale Prävention

Das zur Prävention erforderliche Basiswissen fehlt der Studie zufolge vielen Befragten. Beratungs- und Testangebote - auch anonyme und kostenlose - der öffentlichen Gesundheitsdienste seien nur unzureichend bekannt.

Zwar liegt in Deutschland unter den HIV-Infizierten der Anteil der Frauen mit etwa 20 Prozent deutlich niedriger als im Weltvergleich. Dennoch zeichnet sich ab, daß Präventionsmaßnahmen derzeit nicht optimal genutzt werden. So beklagt zum Beispiel das RKI, daß während der Schwangerschaftsvorsorge noch immer nicht allen Frauen ein HIV-Test angeboten wird. Nur so sei zu erklären, daß sich immer noch Kinder über ihre Mutter infizierten. Mit einer Prophylaxe läßt sich nämlich die Übertragungsrate auf weniger als zwei Prozent vermindern. Ohne Prophylaxe beträgt die Übertragungsrate nicht 100 Prozent, sondern etwa 25 Prozent.

Fast 20 Kinder haben sich in Deutschland neu infiziert

In Deutschland sind in diesem Jahr mindestens 19 HIV-Infektionen bei Neugeborenen und Kindern diagnostiziert worden. Bei sieben von ihnen sei die Infektion allerdings nicht zu beeinflussen gewesen, weil die Kinder im Ausland geboren wurden, so das RKI. Frauenärzte sollten allen Schwangeren einen HIV-Test anbieten und zudem HIV-infizierte Schwangere gemeinsam mit erfahrenen HIV-Therapeuten eines Zentrums betreuen, so die Forderung des Berliner Instituts.

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