Direkt zum Inhaltsbereich

Sexuell übertragbare Infektionen

Nur Kondome schützen!

Sexuell übertragbare Infektionen (STI) bei HIV-infizierten Menschen nehmen zu, besonders bei Männern, die Sex mit Männern haben. Der Grund dafür ist zunächst einfach: Es werden weniger Kondome benutzt als früher.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
STIs sind nur mit Kondomen zu verhindern – doch die werden immer seltener verwendet.

STIs sind nur mit Kondomen zu verhindern – doch die werden immer seltener verwendet.

© TethysImagingLLC / Getty Images

Warum werden von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), weniger Kondome benutzt als nach Ausbruch der HIV-Epidemie? Weil Aids seinen Schrecken verloren hat, denn der Krankheitsausbruch kann lebenslang verhindert werden.

Weil bei adäquater Therapie und guter Adhärenz die HI-Virenzahl dauerhaft unter die Nachweisgrenze gedrückt werden kann und die Viren dann selbst bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht übertragen werden.

Und womöglich auch, weil die medikamentöse Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) in Risikogruppen zunehmend genutzt wird und die Anwender glauben, entgegen den Empfehlungen, auf Kondome verzichten zu können.

„Die PrEP schützt nicht vor anderen sexuell übertragbaren Erregern und verhütet auch keine Schwangerschaft“, fühlt man sich beim Robert Koch-Institut (RKI) genötigt mitzuteilen. Selbst in Studien mit HIV-infizierten Teilnehmern, die ausführlich über Präventionsmaßnahmen aufgeklärt wurden, ist die Rate der sexuell übertragbaren Infektionen (STI) hoch, in der IPERGAY-Studie akquirierte jeder dritte Proband eine STI.

Syphilis: kontinuierlicher Anstieg

Beispiel Syphilis: Das RKI registriert seit 2001 eine stetige Zunahme der Erkrankungen. Waren es Anfang dieses Jahrhunderts erst unter 2000, dann 3000 bis 3500 gemeldete Syphiliserkrankungen pro Jahr, ist seit 2010 ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen mit zuletzt über 7500 gemeldeten Infektionen im Jahr 2017.

Der Anteil infizierter Frauen lag bei sechs Prozent. Die Häufigkeit der Syphilis und der Erkrankungsanstieg sind also vor allem dem Verhalten von Männern geschuldet.

Und diese leben nach Erhebungen des RKI bevorzugt in den Großstädten – ein wichtiger Hinweis für dort ansässige Ärzte.

Der Primäraffekt einer Syphilis ist oft sehr diskret: eine schmerzlose, ulzeröse Läsion an der Eintrittsstelle von Treponema (T.) pallidum, gegebenenfalls begleitet von regionalen schmerzlosen Lymphknotenschwellungen und allgemeinem Krankheitsgefühl.

Die Erregeraussaat verursacht nicht juckende, makulopapulöse Exantheme am Körperstamm sowie häufig palmoplantar. Wegen dieses eher blanden klinischen Beginns der Krankheit sei „jedes Exanthem bei einem MSM bis zum Beweis des Gegenteils verdächtig auf eine Syphilis“, schreibt Dr. Nils Postel, Infektiologe aus München, in einem Zeitschriftenbeitrag (hautnah dermatologie 2018;34:28-30).

Erst nach Jahren, in Einzelfällen sogar erst nach Jahrzehnten wird das Tertiärstadium erreicht mit zu Ulzerationen neigenden Hautknoten, Gummen, die jedes innere Organ befallen können, vor allem aber die Knochen, das Nasenseptum sowie harten und weichen Gaumen, sowie mit interstitiellen fibrösen Entzündungen.

„Zu beachten ist, dass die Chronologie bei bestehender HIV-Infektion foudroyanter sein kann als bei einer Monoinfektion mit T. pallidum“, warnt Postel.

Zudem komme eine Neurosyphilis bei HIV-Infizierten vergleichsweise häufiger vor, so der Internist.

„Liegt bei HIV-Koinfektion eine neurologische oder psychiatrische Symptomatik vor, sollte in jedem Fall eine Lumbalpunktion erfolgen.“ Bei schwerer Immunschwäche, also einer CD4-Lymphozytenzahl von unter 200/µl, sollte ab Syphilis-Stadium II auch ohne neuropsychiatrische Symptomatik eine Neurosyphilis ausgeschlossen werden.

Sexualpartner oft auch infiziert

Die Therapie erfolgt bei Frühsyphilis einmalig mit Benzathin-Penicillin intramuskulär oder – bei Penicillin-Unverträglichkeit – mit Doxycyclin über 14 Tage. Liegt bereits eine Spätsyphilis vor, wird das Penicillin an den Tagen 1, 8 und 15 gespritzt oder für 28 Tage Doxycyclin eingenommen.

Bei Neurosyphilis ist die hochdosierte, intravenöse Therapie mit Penicillin G erforderlich, alternativ mit Ceftriaxon über jeweils 14 oder mit Doxycyclin über 28 Tage. Zur Vermeidung einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion müsse vor Erstgabe des Antibiotikums Prednisolon (1 mg/kg Körpergewicht) verabreicht werden, so Postel.

Die Kontrolle des Therapieerfolgs erfolgt drei Monate nach Ende der Behandlung. Die Mitbehandlung des Partners wird weltweit unterschiedlich gehandhabt. Postel erinnert in seinem Beitrag allerdings daran, dass bis zu 60 Prozent der Sexualpartner von Syphilispatienten ebenfalls eine Syphilis haben.

Frankreich führt Gratis-Kondome auf Rezept ein

Zum Schutz vor HIV gibt es in Frankreich Kondome künftig auf Rezept und kostenlos. Das kündigte die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn im Sender France Inter an.

Jeder, ob Mann oder Frau, könne demnächst zum Arzt gehen und sich Präservative verschreiben lassen, die dann von der Krankenkasse bezahlt würden. Eine Kostenerstattung gebe es aber nur für eine bestimmte, sehr günstige Kondommarke, betonte Buzyn.

In einer Mitteilung ihres Ministeriums hieß es, die neue Regelung werde am 10. Dezember 2018 in Kraft treten.

Auch Hebammen können demnach Kondome verschreiben. Die Verhütungsmittel müssen dann in einer Apotheke abgeholt werden – in 6er-, 12er- oder 24er-Boxen.

Nach Angaben der Ministerin wird in Frankreich jährlich bei rund 6000 Menschen eine Infektion mit dem HI-Virus festgestellt. (dpa)

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Präexpositionsprophylaxe

HIV-PrEP: Diese Möglichkeiten gibt es

Besonderes Augenmerk auf HBV

HIV und Impfungen: Was beachten, was testen?

Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

© piyato | iStock

Vaginalmykose im Fokus

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

© iStock / okskukuruza

Vaginale Gesundheit

Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München

Ist das AMNOG bereit für HIV-Innovationen?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Komplexe Gemengelage

COVID-Prophylaxe 2.0: Das gilt bei der Abrechnung

Robert Koch-Institut

Erster Nachweis von Sindbis-Fieber in Deutschland

Lesetipps
Eine Frau sitzt mit einer brennenden Zigarette hinter dem Lenkrad ihres Autos.

© Peter Steffen/dpa

DEGAM-Kongress

Wie viele KHK-Patienten rauchen?

Viele Gespräche, sich viel Zeit nehmen – das setzt eine Suizidassistenz voraus.

© Lumos sp / stock.adobe.com

Begleitetes Sterben

Suizidassistenz gewinnt Bedeutung in deutschen Hausarztpraxen