Pocken, Sars und Ebola - wie der Schutz organisiert wird

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Zwar sind die Zeiten, als sich ganz normale Bürger plötzlich Atemschutzmasken zulegten und Vorräte für den Fall eines terroristischen Anschlags mit Biowaffen horteten, mittlerweile auch in den USA weitgehend vorbei. Doch bleibt das Thema gefährlicher Infektionserkrankungen im 21. Jahrhundert auch dann auf der Tagesordnung, wenn die Terrorwelle einmal abgeklungen sein sollte.

Geschäftsreisende tragen dazu genauso bei wie Biolabors, die mit neu isolierten und schwer einschätzbaren Keimen arbeiten. Für alle sichtbar hat der Sars-Ausbruch im vergangenen Jahr illustriert, wie problemlos Keime als Trittbrettfahrer in Flugzeugen von einem Ende der Welt an ein ganz anderes gelangen.

Seuchen bleiben also aktuell. Wie gut ist Deutschland dabei auf den Ausbruch von Infektionen mit womöglich unbekannten Erregern vorbereitet? Und wie sollten Ärzte mit einem Patienten umgehen, bei dem der Verdacht auf eine gefährliche Infektionskrankheit besteht? Darüber wurde bei einem Seminar auf der Medica in Düsseldorf diskutiert.

Gegen Pocken ist praktisch niemand mehr immun

"Von einer gemeingefährlichen Infektion sprechen wir, wenn die Krankheit sehr leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, wenn sie bei einem hohen Anteil der Betroffenen zum Tod führt und wenn es keinen Impfstoff gibt, durch den sie verhindert werden kann", sagte Dr. Rüdiger Fock vom Robert-Koch-Institut, der das Seminar leitete.

Vor allem Virusinfektionen mit hämorrhagischem Fieber entsprechen diesen Kriterien. Dazu gehört das von der Bevölkerung oft als "Dschungelkrankheit" wahrgenommene Ebola, außerdem die Marburg-Virus-Erkrankung und das Lassa-Fieber. Auch Affenpocken gelten als gemeingefährlich, genauso wie die echten Pocken, für die zwar ein Impfstoff existiert, gegen die es aber, seit die Erreger im zivilen Bereich ausgerottet wurden, in der Bevölkerung keinen Impfschutz mehr gibt.

Um Empfehlungen für den Umgang mit diesen Krankheiten zu entwickeln, gibt es in Deutschland seit 1998 die zivil-militärische Bund-Länder-Fachgruppe Seuchenschutz, die 1999 ein Konzept zum Management und zur Kontrolle von importierten Seuchen erarbeitet hat. Mit Blick auf die jüngsten Terrorangriffe und auf praktische Erfahrungen mit Sars und anderen Infektionskrankheiten der letzten Jahre und Jahrzehnte wurde dieses Konzept inzwischen aktualisiert und ergänzt.

Im Kern geht es um zweierlei: Einerseits muß eine Infrastruktur spezialisierter Einrichtungen aufgebaut werden, in der Betroffene behandelt werden können und wo überhaupt erst einmal die richtige Diagnose gestellt werden kann. "Dazu wurden in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren sieben Sonderisolierstationen eingerichtet, die über das ganze Land verteilt sind", so Fock. In diesen Spezialeinrichtungen können Krankheiten in der Regel ohne Gefahr diagnostiziert und die Patienten dann sicher für die Umgebung behandelt werden, sofern eine spezifische Therapie existiert.

Für den Seuchenschutz wichtiger als die Spezialkliniken ist allerdings der Weg der Patienten dorthin. Denn der Verdacht auf eine gemeingefährliche Infektionskrankheit kommt in aller Regel dort auf, wo sich ein Patient als erstes vorstellt, also in einem ganz normalen Krankenhaus seiner Heimatstadt.

Die Hygienerichtlinien für diese Kliniken wurden angesichts der Terrorgefahr in den letzten Jahren überarbeitet. Vor allem neue Krankenhäuser wie etwa das Klinikum Minden berücksichtigen diese Richtlinien schon beim Bau. Sie bieten zum Beispiel getrennte Eingänge für infektiöse und nicht-infektiöse Patienten, um schon in diesem Stadium eine eventuelle Übertragung von Keimen zu verhindern. "Verpflichtend gemacht werden kann das aber nicht."

Inwieweit einzelne Häuser die Empfehlungen wirklich umsetzen, liegt letztlich in der Verantwortlichkeit der Krankenhausträger, vor allem der Länder und Kommunen, so Fock. Die allerdings klagen über Geldmangel und mahnen den Bund an, so daß der Schutz der Bevölkerung zwischen Föderalismusquerelen und finanziellen Zwängen mitunter auf der Strecke zu bleiben droht.

Ärzte werden intensiv zu Seuchenmedizin weitergebildet

Große Fortschritte gab es in den vergangenen Jahren bei der Fortbildung der Ärzte, die mittlerweile viel intensiver über den Umgang mit Infektionskrankheiten aufgeklärt werden als zuvor. Zu Tausenden haben Ärzte Veranstaltungen des Robert-Koch-Instituts, des Centrums für Reisemedizin, der Ärztekammern oder anderer Fortbildungseinrichtungen besucht. Dort lernen sie Wesentliches zur Seuchenmedizin.

Der Schutz vor gefährlichen Erregern fängt bei einfachen Dingen an: Ärzte lernen bei solchen Fortbildungsveranstaltungen etwa, wie man sich eine Schutzmaske aufsetzt oder wie man Masken mit und ohne Ausatemventil unterscheidet. Ein Ausatemventil macht das Atmen leichter. Die Maske schützt dann aber nur noch den Träger und nicht mehr andere.

Gelernt wird auch, wie getestet wird, ob die Maske richtig sitzt und was zu tun ist, wenn ein Vollbart oder eine große Narbe verhindern, daß die Maske dicht abschließt. Atemschutzmasken kommen ursprünglich aus der Industrie. Dort gibt es für das Personal systematische Einweisungen in die Schutztechnik.

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