Ärzte Zeitung, 31.08.2006

Hat der Klimawandel exotische Infektionen im Schlepptau?

Immer mehr Krankheitserreger aus den Tropen in Europa  / Tropenmediziner und Parasitologen geben teilweise Entwarnung

HAMBURG/BONN (dpa). Kommt eine Seuche nur selten allein? Wieder einmal ist eine Tierkrankheit in Deutschland ausgebrochen. Nach der Vogelgrippe und der Schweinepest ist nun die vor allem für Schafe gefährliche Blauzungenkrankheit in Deutschland angekommen.

Die Tigermücke, die etwa das Dengue-Virus überträgt, breitet sich in Europa immer mehr aus. Foto: dpa

Auf den Menschen springt das Virus nicht über. Ursprünglich war der Erreger nur in wärmeren Gefilden heimisch, tauchte seit einigen Jahren aber auch in Südeuropa auf. Inzwischen ist klar: Auch der jetzt in Nordrhein-Westfalen gefundene Erregertyp stammt aus Afrika. Warum sich die von Mücken übertragene Seuche nach Nordeuropa ausbreitet, darüber rätseln die Experten noch. Einige vermuten den Klimawandel als Ursache.

Die Hypothese klingt einleuchtend: Es wird wärmer in Deutschland. Das gefällt allen, die es gern kuschelig haben - auch exotischen Krankheitsüberträgern, etwa bestimmten Mücken oder Zecken. Doch Experten warnen: Die Gleichung "Klimawandel gleich tropische Krankheiten in Deutschland" stimmt so nicht. Denn sie läßt viele Variablen außer Acht.

"Höhere Temperatur heißt nicht gleich Krankheit", sagt Barbara Ebert vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Gerade bei Erregern, die Menschen über Zwischenträger infizieren, könne ein gut funktionierendes Gesundheitssystem den Kreislauf leicht unterbrechen. Wenn Ärzte Infizierte schnell isolierten, fehle den jungen Mücken die Ansteckungsquelle. Eine Ausbreitung der Malaria etwa sei für Deutschland höchst unwahrscheinlich. "Einzelfälle aber hat es ja immer mal gegeben", sagt Ebert.

Schwieriger wird es bei komplexeren Kreisläufen. Versteckt sich ein Virus in Wildtieren, ist die Krankheit schwerer zu kontrollieren. Eindrucksvoll zeigt dies der explosionsartiger Ausbruch des West-Nil-Fiebers in den USA im Jahr 2002. Das Virus stammt aus Afrika und Nahost, sein Reservoir sind Vögel. Mücken übertragen es beim Stich auf Menschen.

Selbst wenn alle infizierten Menschen isoliert würden - was schon deshalb unmöglich ist, weil die Krankheit bei den meisten unbemerkt verläuft -, überlebt das Virus in den Vögeln. Effekt: In den USA hatte sich die Krankheit innerhalb von drei Jahren über das ganze Land ausgebreitet. Theoretisch könnte das Virus auch in Deutschland vorhanden sein, denn sowohl die Mücke als auch die Vögel gibt es hier auch.

Ein weiterer Faktor ist die Globalisierung. Das zeigt das Beispiel Dengue-Fieber. Die ebenfalls durch Mücken übertragene Krankheit habe sich mit dem Altreifenhandel über mehrere Kontinente verbreitet, sagt Helge Kampen, Parasitologe der Universität Bonn. In Pfützen in den Reifen wurden die Mückeneier weltweit verschifft. "Es würde mich nicht wundern, wenn sie auch in Deutschland vorkommen", sagt Kampen.

Vielleicht fallen aber gleichzeitig andere Krankheiten weg. Manche Überträger oder Erreger fühlten sich bei höheren Temperaturen unwohl, sagt Kampen. So gebe es Rechenmodelle, nach denen das von Zecken übertragene FSME-Virus bei stärkerer Klimaerwärmung zurück geht.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Was schützt wirklich vor der prallen Sonne?

Auch beim Sonnenschutz setzen immer mehr Menschen auf Naturprodukte. Forscher haben die Schutzwirkung von Samen und Ölen untersucht - mit zwiegespaltenem Ergebnis. mehr »

"Abwarten und Teetrinken geht nicht mehr"

Unser London-Korrespondent Arndt Striegler beobachtet die Brexit-Verhandlungen hautnah - und ist verwundert über die May-Regierung, während die Ärzte immer mehr in Panik verfallen. mehr »

Pflege bleibt Problembereich

Der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist 2016 drastisch zurückgegangen. Die erweiterten Kontrolloptionen der Leistungsträger müssen aber erst noch Wirkung zeigen. mehr »