Ärzte Zeitung, 20.05.2016

Mittelohrentzündung

Es muss nicht immer ein Antibiotikum sein

Bei Kindern ohne Grunderkrankung mit einseitiger unkomplizierter Otitis media reichen primär Nasentropfen und Analgetika zur Therapie aus.

Von Dagmar Kraus

Es muss nicht immer ein Antibiotikum sein

© athomass / fotolia.com

KÖLN. Die primäre Antibiose bei Otitis media bleibt auf spezielle Befunde beschränkt, hat Professor Heinrich Iro beim Pädiatrie-Update betont. Da eine eigene Leitlinie zur Otitis media in Deutschland fehlt, bieten die US-Leitlinien Orientierung, erklärte der Direktor der HNO-Klinik an der Uni Erlangen. Die Empfehlungen dort seien entsprechend geändert worden.

In den USA habe sich der Wandel zu einer Therapie mit weniger Antibiotika in mehreren Schritten vollzogen, so Iro.

Zunächst sei eine primäre Antibiose bei Otitis media noch bei allen Kleinkindern unter zwei Jahren empfohlen worden sowie bei beidseitiger Erkrankung, bei Trommelfellperforation oder bei Grundkrankheiten mit Immunsuppressiva-Therapie, ebenso bei mäßigen bis starken Schmerzen über 48 Stunden oder bei Fieber über 39° C.

Inzwischen habe die American Academy of Pediatrics in ihren Leitlinien aber eine Altersgrenze von sechs Monaten für die Antibiotikatherapie der einseitigen, nicht-schweren akuten Otitis media als Grad-B- Empfehlung festgelegt. Für die bilaterale, nicht-schwere akute Otitis media gilt weiter die Altersgrenze von zwei Jahren.

Als Mittel der Wahl rät die US-Leitlinie zu Amoxicillin (40 mg/kg KG, drei Einzeldosen). Kinder unter zwei Jahre sind zehn Tage zu behandeln, Kinder ab zwei Jahren fünf bis sieben Tage. Eine Kombination mit einem Betalaktamase-Hemmer ist ratsam, wenn gleichzeitig eine Konjunktivitis vorliegt oder wenn binnen eines Monats die Otitis rezidiviert.

Die Empfehlungen aus den USA sollten aber nicht unkritisch übernommen werden, speziell mit Blick auf das Erregerspektrum und die Resistenzsituation. In Deutschland gibt es im Mittelohrsekret vor allem Streptokokken (31 Prozent) und Staphylokokken (26 Prozent), gefolgt von Pneumokokken (24 Prozent), Haemophilus influenzae (17 Prozent) und Moraxella catarrhalis (2 Prozent).

Zudem seien, anders als in Frankreich und Spanien, Penicillin-resistente Pneumokokken selten. Daher könne die Primärbehandlung gut mit Amoxicillin vorgenommen werden, betonte Iro.

Er empfiehlt aber, nach Auslandsaufenthalten zu fragen. Bei Therapieversagen sollte Mittelohrsekret gewonnen werden. Denn auch bei Staph.-aureus-Infektionen ist mit Resistenzen gegen Amoxicillin zu rechnen.

Der im Vergleich zu früheren Jahren geringere Anteil an Pneumokokken beruht laut Iro auf dem Effekt der Pneumokokken-Impfung. Die Influenzaimpfung beuge Otitis media aber nicht vor. Bemerkenswert sei aber deren Sekundäreffekt auf den Antibiotikaverbrauch. "Entweder verlaufen die Mittelohrentzündungen bei geimpften Kindern milder oder die Leitlinienempfehlungen wurden bei den Geimpften schärfer beachtet." (Mitarbeit: eis)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Bekommen Kinder O-Beine durch Sport?

Zu O-Beinen neigen offenbar viele Kinder, die bestimmte Sportarten betreiben. Dabei wirkt die einseitige Druckbelastung im Knie als Wachstumsbremse, vermuten Forscher. mehr »

Neue Leitlinie zum Kopfschmerz durch Schmerzmittel-Übergebrauch

Schmerzmittel können vorbestehende Kopfschmerzen verstärken und chronifizieren - wenn man sie zu oft, zu lange oder zu hoch dosiert einnimmt. Eine neue Leitlinie zeigt auf, wie Ärzte solchen Patienten helfen können. mehr »

Nicht nur zu viel LDL-C ist schädlich

Atherosklerose entsteht offenbar nicht nur, wenn zu viel LDL-Cholesterin im Blut zirkuliert. Der Aufbau der Partikel scheint ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen – und hier lässt sich therapeutisch eingreifen, wie Wissenschaftler zeigen. mehr »