Ärzte Zeitung online, 02.06.2017
 

Gefahr durch "Natürliche Ernährung"

Rohmilch-Konsum macht oft krank

E.coli, Salmonellen und andere Pathogene holen sich Konsumenten nach US-Daten verstärkt nach Hause. Der Grund: Der Trend zu "natürlichen" Lebensmitteln. Den Forschern bereitet vor allem Rohmilch Kopfzerbrechen.

Von Beate Schumacher

Infektionsrisiko durch Rohmilch-Konsum

Das Enterobakterium Escherichia coli in einer elektronenmikroskopischen Aufnahme.

© Gunnar Assmy / Stock.Adobe.com

BOULDER. Der Wunsch nach einer "natürlichen" Ernährungsweise mit Lebensmitteln, die möglichst nicht industriell verarbeitet sind, führt auch in den USA dazu, dass Milch, so wie sie aus dem Kuheuter fließt, immer beliebter wird. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, ist mit einem beträchtlichen Anstieg von Krankheiten durch kontaminierte Kuhmilch(produkte) zu rechnen. (Emerging Infectious Diseases 2017; online 1. Mai).

Die Analyse basiert auf den Daten aller Krankheitsausbrüche in den USA in den Jahren 2009 bis 2014, die durch Verunreinigung von Kuhmilch oder -käse mit enterotoxinproduzierenden E.coli (EHEC), Salmonella spp., Listeria monocytogenes oder Campylobacter spp. ausgelöst worden waren.

Im Durchschnitt gab es im Rahmen solcher Ausbrüche pro Jahr 761 Erkrankungen und 22 Krankenhauseinweisungen. Obwohl Rohmilch bzw. Rohmilchkäse nur bei etwa 3,2 Prozent bzw. 1,6 Prozent der Bevölkerung auf dem Speiseplan stehen, waren sie ursächlich für 96 Prozent der Erkrankungen.

840-mal höheres Risiko

Krankheitsfälle durch EHEC, Salmonella spp. und Campylobacter spp. gingen häufiger auf unbehandelte als auf pasteurisierte Milch zurück. Listerioseinfektionen wurden dagegen überraschenderweise häufiger bei den Erkrankungen gefunden, die durch erhitzte Milch verursacht waren.

Das Risiko für eine Erkrankung durch eines der vier Pathogene ist demnach bei Rohmilchkonsumenten 840-mal so hoch wie bei Konsumenten von erhitzter Milch, das für Krankenhausaufnahmen um den Faktor 45 erhöht.

Sollte der Rohmilchkonsum weiter steigen, so die Warnung der Studienautoren, sei eine erhebliche Zunahme der untersuchten Erkrankungen zu erwarten.

Steigen die Krankheitsfälle weiter an?

So würde die Zahl der Krankheitsfälle bei einer Verdopplung der Konsumentenzahl ebenfalls um 100 Prozent zunehmen, wobei Infektionen mit Salmonellen und Campylobacter spp. dominieren würden.

Die Studienautoren weisen darauf hin, dass ihre Daten die reale Situation wahrscheinlich unterschätzen, da sie sich auf die Auswertung von Ausbrüchen beschränken mussten. Die Zahl sporadischer Erkrankungen durch kontaminierte Rohmilchprodukte sei wahrscheinlich wesentlich höher.

840 um diesen Faktor war das Erkrankungsrisiko durch eine Infektion mit EHEC, Salmonella spp., Listeria monocytogenes oder Campylobacter spp. bei Rohmilchkonsumenten im Vergleich mit Konsumenten von erhitzter Milch erhöht.

[02.06.2017, 13:05:47]
Horst Grünwoldt 
Milchhygiene
Die Rohmilch ist bekanntlich die nicht-pasteurisierte oder nicht ultra-hoch-erhitzte "Original"-Kuhmilch, wie sie das Euter beim Ermelken unbehandelt verlassen hat. Sie wird in einem deutschen Milchviehbetrieb danach unmittelbar und im geschlossenen System von der Milchdrüse in einen Kühl-Sammeltank geführt.
Bei uns sind aufgrund der Milchhygiene-Verordnung alleine Betriebe zur Rohmilchabgabe an einzelne Verbraucher berechtigt, wenn sie die hygienischen Prüf-Bedingungen dazu erfüllen. Dazu werden vor allem die betriebshygienischen Zustände der Milchgewinnung von der Melkmaschine bis zum Kühltank, und natürlich die Eutergesundheit des Salmonellose und Ehec- freien Kuhbestandes vor der Abgabe-Zulassung berücksichtigt.

Insofern scheint es vor allem wieder ein US-amerikanisches Problem zu sein, wenn vor dem Rohmilch-Konsum dort so eindringlich gewarnt werden muß. Allerdings ist aus unserer amtlichen Lebenmittel-Überwachung auch bekannt geworden, dass die amerikanische Form der Speiseeis-Abgabe als sog. "Softeis" im öffentlichen Raum in D des öfteren schon Beanstandungen wegen Kontamination mit enteropathogenen Bakterien humanen Ursprungs ergeben hat. Dabei liegt das Problem aber nicht in der verwendeten Milch, sondern dem nachträglichen Bakterien-Eintrag über unhygienische Gerätschaften oder die Zubereitung.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[02.06.2017, 12:04:59]
Thomas Georg Schätzler 
"Nach dem Klo und vor dem Essen, Rohmilch nicht vergessen"?
Ganz ehrlich, wer glaubt denn, das Euter einer Milchkuh im Vierfüßler-Stand sei primär frei von potenziell gefährlichen Keimen. Die Pasteurisierung von Milch und Milchprodukten ist doch deshalb erfunden worden, um die Menschen vor bovinen Fäkalkeimen und möglicherweise multiresistenten Keimen (nach veterinärmedizinisch indizierter Antibiose?) zu schützen.

WIKIPEDIA erklärt unzweideutig: "Pasteurisierung wurde nach dem französischen Chemiker Louis Pasteur benannt und 1864 entwickelt. Pasteur hatte erkannt, dass durch kurzzeitiges Erhitzen von Lebensmitteln und anderen Stoffen die meisten der darin enthaltenen Mikroorganismen abgetötet werden. Sind so behandelte Stoffe in einem abgeschlossenen Bereich, können auch keine neuen Mikroorganismen in diese eindringen. Unter Zuhilfenahme eines speziell angefertigten Glaskolbens, des Pasteurkolbens, wurde diese Methode sehr eindrucksvoll demonstriert. Bei Lebensmitteln kann dadurch die Haltbarkeitszeit deutlich gesteigert werden. Zugleich war mit diesem Versuch auch die Urzeugungsthese widerlegt."

Völlig unbehandelte Rohmilch gilt infektiologisch zu Recht als gefährlich. Ebenso wie Roh-Ei, das z. B. in Profi-Küchen nicht unbehandelt weiter verarbeitet werden darf, um Enterobakterien-Infektionen vorzubeugen.

Überspitzt würde ich sagen: Intelligente Menschen trinken keine Rohmilch. Den anderen sollte es verboten werden. Sonst könnte man ja getrost auch auf: "Nach dem Klo und vor den Essen, Händewaschen nicht vergessen" verzichten, oder?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


 zum Beitrag »
[02.06.2017, 06:58:27]
Michael Traub 
Lebensmittelindustrie first!
Bei allem Respekt vor den genannten Infektionen, das sieht doch sehr nach einer Attacke der Lebensmittelindustrie aus. Soll vielleicht zum Beispiel französischer Rohmilchkäse nicht überleben dürfen? Kuhwarme Frühstücksmilch, was gibt es Besseres zum morgendlichen Lesen
der ÅrzteZeitung? Da haben die Bakterien erst wenig Zeit gehabt, sich zu vermehren! Aber zugegeben, die gibt's nur noch auf wenig Bauernhöfen... zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Fettsäurehypothese bei MS erhält neue Nahrung

Ist eine ungesunde Ernährung einer der Gründe, weshalb manche Menschen an MS erkranken? Es mehren sich jedenfalls Hinweise für einen entscheidenden Einfluss auf die Darmflora. mehr »

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »