Ärzte Zeitung online, 08.11.2017
 

Antibiotika-Therapie

MRSA in Kliniken – Wie fit sind Ärzte?

In Deutschland ist bei Ärzten mancher Fachrichtung offenbar das Wissen über multiresistente Keime und die rationale Antibiotikatherapie nur unzureichend. Eine Fachrichtung sticht besonders heraus.

Von Peter Leiner

MRSA in Kliniken: Wie fit sind Ärzte?

700–800 Tonnen Antibiotika werden pro Jahr in Deutschland in der Humanmedizin eingesetzt.

© Henrik Dolle - stock.adobe.com

NEURUPPIN. Unabhängig von der Fachrichtung wissen deutsche Ärzte über multiresistente Keime und die rationale Antibiotikatherapie wohl zu wenig (Int Urol Nephrol 2017; 49(8): 1311–1318). Das hat eine Befragung durch Urologen um Dr. Steffen Lebentrau von den Ruppiner Kliniken in Neuruppin ergeben.

An der Befragung nahmen Ärzte der Fachrichtungen Urologie, Innere Medizin, Gynäkologie und Chirurgie von sechs Universitätskliniken und zwölf Krankenhäusern der Maximal- und Schwerpunktversorgung in Deutschland teil.

Entwickelt wurde die Befragung mit der MR-2-Studie (Multi-institutional Reconnaissance of Practice with Multiresistant Bacteria – a survey focusing on German hospitals) im Frühjahr 2015.

Dürftiges Wissen

2 Punkte auf der 4-Punkte-Likert-Skala und damit als gering stuften die befragten Ärzte aller Fachrichtungen ihr Wissen über ABS (AntiBiotic Stewardship) ein. Mit dem Programm soll die Qualität der Verordnung von Antiinfektiva verbessert werden.

In der Fragebogenstudie sollten die Wahrnehmung und das Wissen der Ärzte verschiedener Fachrichtungen über multiresistente Erreger und über Strategien zum rationalen Einsatz von Antiinfektiva erfasst werden. Der Fragebogen mit insgesamt 35 Items wurde an mehr als 1000 Ärzte verschickt. Die Selbsteinschätzung wurde mithilfe der 4-Punkte-Likert-Skala eingestuft: 1 = keine, 2 = geringe, 3 = durchschnittliche und 4 = vollständige Kenntnisse.

Wie Lebentrau und seine Kollegen berichten, lag die Rücklaufquote insgesamt betrachtet mit 43 Prozent (456/1061) nicht besonders hoch, wobei sie bei Urologen im Vergleich zu Ärzten anderer Fachrichtungen signifikant höher war (77 Prozent vs. 36 Prozent).

Aus den Antworten geht hervor, dass signifikant mehr Urologen innerhalb der vergangenen sieben Arbeitstage mindestens fünf Patienten ein Antibiotikum verschrieben hatten (51 Prozent versus 24 Prozent).

Zudem gaben Urologen eher als Nichturologen an, ausreichend Kenntnisse über die Dosierung, Applikationshäufigkeit und Therapiedauer bei der Antibiotika-Therapie (Likert-Score: 3,22 vs. 3,09) und über die richtige Interpretation des Antibiogramms (3,32 vs. 3,11) zu haben. Der Befragung zufolge war das Wissen über ABS (AntiBiotic Stewardship) bei Ärzten aller Fachrichtungen gleichermaßen dürftig (2,01 versus 1,99).

Wie es in der bis Ende 2018 gültigen S3-Leitlinie "Strategien zur Sicherung rationaler Antibiotika-Anwendung im Krankenhaus" der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie heißt, haben ABS-Programme im Krankenhaus das Ziel, "die Qualität der Verordnung von Antiinfektiva bezüglich Auswahl der Substanzen, Dosierung, Applikation und Anwendungsdauer kontinuierlich zu verbessern, um beste klinische Behandlungsergebnisse unter Beachtung einer Minimierung von Toxizität für den Patienten sowie von Resistenzentwicklung und Kosten zu erreichen".

Wenn es um die Kenntnisse der Definition multiresistenter gramnegativer Mikroorganismen ging, schnitten in der Studie – eigenen Angaben zufolge – Urologen signifikant besser ab als Kollegen anderer Fachrichtungen (3,44 versus 3,17). Alle Teilnehmer machten keinen Hehl daraus, dass sie kaum etwas über das DART-2020-Programm wussten (2,03 versus 2,06).

ABS als Pflichtprogramm

DART-2020 steht für die Deutsche Antibiotikaresistenzstrategie, die auf dem im März 2015 veröffentlichten Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Organismen des Bundesministeriums für Gesundheit fußt. Nach Angaben der MR2-Studiengruppe sollen diesem Plan zufolge, die "Resistenzproblematik und die spezifischen Probleme im human- und veterinärmedizinischen Bereich parallel und vor allem global angegangen werden".

Wichtige Bausteine seien die Verbesserung der rationalen Antibiotikatherapie, die Verringerung des Antibiotikaverbrauchs sowie die Sensibilisierung des medizinischen Personals und der breiten Öffentlichkeit. Dass die Teilnehmer der Befragung unter anderem so wenig über DART-2020 und die ABS-Maßnahmen wussten, ist nach Ansicht der Forscher besonders beunruhigend, zumal die Informationen bereits ein halbes Jahr vor der Befragung veröffentlicht worden waren.

Schließlich gaben Urologen eher an, die lokale Resistenzlage gut zu kennen als Nichturologen. Allerdings kannte nur etwa ein Drittel der Befragten (Urologen: 36 Prozent; Nichturologen: 31 Prozent) die aktuelle lokale Rate an ciprofloxacinresistenten E.-coli-Stämmen.

Zwar betrachteten Urologen und Ärzte anderer Fachrichtungen die Anwendung von Breitspektrumantibiotika als problematisch, doch würden der MR2-Studie zufolge immerhin 32 Prozent beziehungsweise 31 Prozent der Befragten einer Patientin mit unkomplizierter Harnwegsinfektion ein solches Antibiotikum verschreiben.

Um die Situation zu verbessern, empfehlen Lebentrau und seine Kollegen vorrangig, in Krankenhäusern ABS als Pflichtprogramm einzuführen. ABS setze profunde Kenntnisse der lokalen Resistenzlage, eine routinemäßige Auswertung der Antibiotikaverschreibungen sowie die Beachtung der aktuellen Leitlinien voraus.

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