Ärzte Zeitung online, 18.09.2014

Ebola

"Ärzte ohne Grenzen" geht Merkel an

Bei der Bewältigung der Ebola-Epidemie in Westafrika hat die internationale Staatengemeinschaft kläglich versagt, betont "Ärzte ohne Grenzen" in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch der Bundesregierung wird Tatenlosigkeit vorgeworfen.

Von Wolfgang Geissel

"Ärzte ohne Grenzen" geht Merkel an

Überforderte Hilfsdienste: In einem Vorort von Monrovia in Liberia werden Leichen von Ebola-Opfern abtransportiert.

© Ahmed Jallanzo / epa / dpa

BERLIN. Die aktuelle Ebola-Epidemie in Westafrika ist eine in dieser Art nie da gewesene Katastrophe, betont "Ärzte ohne Grenzen" in einem offenen Brief an Angela Merkel.

Und: "Anstatt mit aller Entschlossenheit die in Deutschland vorhandenen Kapazitäten zum Aufbau und Betrieb von Isolierstationen und anderer medizinischer Maßnahmen zu nutzen, beschränkt sich das deutsche Engagement bislang lediglich auf die finanzielle Unterstützung vor Ort tätiger Organisationen", kritisiert die Hilfsorganisation in dem Brief.

Die Mediziner in den betroffenen Ländern seien am Ende ihrer Kräfte, sagte der Chef der deutschen "Ärzte ohne Grenzen"-Sektion, Tankred Stöbe, am Mittwoch dem Bayerischen Rundfunk.

"Wir haben seit Juni gewarnt, dass die Epidemie außer Kontrolle geraten ist - und das tun wir nicht leichtfertig. Weitere Monate sind verstrichen und die deutsche Regierung tut bisher nichts", so Stöbe.

In dem Brief schreibt "Ärzte ohne Grenzen" zudem: "Obwohl einzelne Staaten wie die USA ihre Hilfsprogramme deutlich aufgestockt haben, liegt eine effektive und angemessene Reaktion immer noch in weiter Ferne."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zwar am Mittwoch zusätzliche Ebola-Hilfe in Form von Lufttransporten versprochen. Aber auch der angekündigte Transport einer Krankenstation in das Krisengebiet sei ohne zugehöriges Personal wirkungslos.

Es könne nicht sein, dass die Bekämpfung einer solchen Epidemie Nichtregierungsorganisationen vor Ort überlassen werde, so "Ärzte ohne Grenzen". Die Organisation hat nach eigenen Angaben 2000 Helfer in der Region. Die Hilfskräfte müssten aber wegen der hohen Belastung immer wieder ausgetauscht werden.

"Wir brauchen Krankenhäuser und Isolierstationen mit ausgebildetem Personal", sagte Stöbe. "Das betrifft sowohl zivile als - in diesem Ausnahmefall - auch militärische Teams; diese dürften aber nur für medizinische Zwecke eingesetzt werden", heißt es in dem offenen Brief dazu: Deutschland habe hier eine politische und militärische Verantwortung.

Luftbrücken schaffen

Inzwischen hat das EU-Parlament eine massive Aufstockung der Ebola-Hilfe gefordert, meldet die Nachrichtenagentur "dpa". Mit Luftbrücken und dem Einsatz militärischer Mittel sollte der Kampf gegen die Epidemie massiv verstärkt werden.

Der UN-Sicherheitsrat solle mit den USA und den betroffenen Ländern den Einsatz militärischer und ziviler Mittel prüfen, hieß es in einer Entschließung der Volksvertretung am Donnerstag in Straßburg.

Die EU-Länder wurden aufgefordert, Luftbrücken zu schaffen, um Ärzte, medizinisches Personal und Ausrüstungen in die betroffenen Regionen zu bringen. Die EU-Minister sollten auf einem Sondertreffen einen Notfallplan ausarbeiten, um medizinische und humanitäre Hilfsmaßnahmen zu koordinieren.

Die Grünen beklagten eine zu späte Reaktion auf die Epidemie, die vor sechs Monaten bekannt wurde. In den betroffenen Ländern herrsche eine "wahre Kriegssituation, die ein vernünftiges Krisenmanagement unmöglich macht", sagte die französische Grünen-Abgeordnete Michèle Rivasi.

In erster Linie sind die westafrikanischen Länder Guinea, Liberia und Sierra Leone betroffen.Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation haben sich etwa 5000 Menschen mit dem Ebola-Erreger angesteckt. Davon ist etwa die Hälfte gestorben. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

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