Ärzte Zeitung, 19.04.2013

Polio

Neuer Plan zur Ausrottung

Das Ziel, Poliomyelitis endgültig auszulöschen, ist in greifbare Nähe gerückt. Wie die Strategie aussieht, erklären der RKI-Präsident und die Chefin des Polio-Referenzzentrums im Gastbeitrag.

Von Dr. Sabine Diedrich und Professor Reinhard Burger

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Impfaktion in Afghanistan: Ein Helfer gibt einem Kind die Schluckimpfung gegen Poliomyelitis.

© Jalil Rezayee / epa / dpa

Poliomyelitis (Polio) ist eine Infektionskrankheit, die durch Befall von Zellen des Nervensystems zu bleibenden Lähmungen führen kann. Dank effektiver Impfstoffe (OPV, IPV) gehört die Polio zu den wenigen Erkrankungen, die durch konsequente Impfungen ausgerottet werden können.

Im Rahmen der globalen Polioeradikationsinitiative (GPEI) der WHO und deren Partner konnte die Zahl der Poliofälle von geschätzten 350.000 Fällen in mehr als 125 Ländern im Jahr 1988 auf weniger als 250 Fälle in nur noch fünf Ländern im letzten Jahr gesenkt werden. 2012 war ein Wendepunkt für die verbliebenen drei Länder mit endemischer Polio.

Nigeria, Afghanistan und Pakistan setzten nationale Notfallmaßnahmenpläne um, die zu einer wesentlichen Verbesserung in der Qualität der Impfkampagnen und den historisch niedrigsten Raten von Neuerkrankungen führte.

Indien - einst das Land mit den meisten Erkrankungsfällen - hat im Januar 2013 den zweiten Jahrestag ohne neue Poliofälle gefeiert. Dies ist ein außerordentlicher Erfolg und beweist, dass Polio selbst unter den schwierigsten Bedingungen ausgerottet werden kann.

Solange jedoch eine Ansteckung mit Polioviren nicht weltweit gestoppt werden kann, besteht die Gefahr der Ausbreitung der Erkrankung in bereits poliofreie Länder. Aktuelle Beispiele dafür sind die Polioausbrüche in Tadschikistan 2010 und in China 2011.

Tödliche Übergriffe auf Impfhelfer

Rückschläge für die Eradikationskampagne sind auch die jüngsten tödlichen Übergriffe auf Impfhelfer in Pakistan und Nigeria. Andererseits sprachen sich muslimische Führer dafür aus, ihre Gemeinden zu motivieren und ihre Kinder impfen zu lassen.

Sogenannte "Tage der Ruhe" sind mit den Kriegsherren ausgehandelt, um Impfteams passieren zu lassen. Ebenso werden neueste Technologien, wie GPS-Ortungssysteme zum Einsatz gebracht, um sicherzustellen, dass Impfstoffe alle Kinder erreichen, auch in entlegenen Orten.

Professor Reinhard Burger

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© Frank Ossenbrink / RKI

Aktuelle Position: Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI)

Werdegang: Studium der Biologie, Mikrobiologie, Immunologie, 1982 Professor für Immunologie an der Universität Heidelberg, seit 1987 am RKI, seit 2010 als Präsident.

Nachdem das Eradikationsziel mehrfach verschoben werden musste, strebt die GPEI nun mit einer neuen Strategie an, die Polioeradikation bis 2018 endgültig zu erreichen und zu bewahren. Der Strategieplan für 2013 bis 2018 wird Ende April auf dem in Abu Dhabi stattfindenden globalen Impfgipfel vorgestellt werden.

Dort wird auch diskutiert, wie die Bemühungen zur Polioeradikation helfen sollen, Mütter und Kinder mit anderen lebensrettenden Impfstoffen und Gesundheitsleistungen zu versorgen. Dazu gehört die Notwendigkeit von leistungsstarken Systemen zur routinemäßigen Impfung, einer Voraussetzung für einen gesunden Start in das Leben bei allen Kindern.

Die neue Strategie ist ein großer Fortschritt und bietet zusätzliche Handlungsoptionen, um die Übertragung von Polioviren sicher zu verhindern.

Dazu gehört, dass zunächst Typ 2 (bereits eliminiert) aus der oralen Poliovakzine (OPV) entfernt und die inaktivierte Poliovakzine (IPV) in allen Ländern eingeführt wird, um die Immunität gegenüber den beiden verbleibenden Stämmen zu erhöhen.

Umstellung auf IPV ist ein Kernpunkt

Der neue Strategieplan unterscheidet sich von den vorherigen insofern, dass alle Ziele parallel und nicht hintereinander verfolgt werden, das heißt, dass zum Beispiel die Unterbrechung der Zirkulation der Poliowildviren gleichzeitig mit der Einführung von IPV stattfinden soll.

Der neue Plan unterstreicht die Dringlichkeit, Routineimpfsysteme zu verbessern, um Kinder auch vor anderen impfpräventablen Krankheiten zu schützen. So sollen etablierte Infrastrukturen besser genutzt werden, um Routineimpfungen und andere Gesundheitsförderprogramme zu unterstützen.

Um die Sicherheit und Effektivität der Impfhelfer zu gewährleisten, soll die Koordinierung zwischen den zivilgesellschaftlichen und Sicherheitsdiensten verbessert werden, die Bemühungen der religiösen Führer und Einrichtungen unterstützt und die Impfungen in krisengeschüttelten Grenzgegenden intensiviert werden.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt - auch aus Deutschland - hat sich in dieser einmaligen Situation gemeinsam engagiert, um die greifbare Realisierung der Polioeradikation hervorzuheben und den Eradikations- und Strategieplan für die Endphase der Polioeradikation zu unterstützen.

Die Experten, darunter Nobelpreisträger, Impffachleute, Infektiologen, Pädiater oder Dekane von Universitäten, unterstreichen in ihrer Resolution, dass die Eradikation von Polio Priorität für die weltweite Gesundheit hat und erreichbar ist.

Die Ausrottung von Polio wäre ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin und würde beweisen, dass man mit internationaler Zusammenarbeit erfolgreich erhebliche Gefahren für die Menschheit bekämpfen kann.

Wichtig ist eine sichere Finanzierung

Die Resolution appelliert an Wissenschaftler, neue und bessere Impfstoffe zu entwickeln (etwa preisgünstige IPV-Optionen) und an politisch Verantwortliche der Endemieländer sowie Vertreter internationaler Programme, in ihrem Engagement nicht nachzulassen.

Dr. Sabine Diedrich

Neuer Plan zur Ausrottung

© Andrea Schnartendorff / RKI

Aktuelle Position: Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Polio und Enteroviren am RKI.

Werdegang: Medizinstudium, 1996 zur Fachärztin für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie promoviert, seit 1991 am RKI tätig..

Die Regierungen endemischer Länder werden aufgerufen, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen und die Beziehungen zu kommunalen und religiösen Oberhäuptern zu vertiefen. Ein wichtiger Punkt ist die Sicherstellung der Finanzierung des Programms durch alle beteiligten Partner.

Finanzierungslücken haben im Jahr 2012 dazu geführt, dass Impfkampagnen in 24 Ländern gestrichen bzw. reduziert werden mussten. Deutschland hat seit 1985 ca. 300 Millionen Euro für die Eradikationskampagne beigesteuert.

Im Januar 2013 hat der Bundesminister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Unterstützung mit weiteren 100 Millionen Euro angekündigt. Eine erfolgreiche Bekämpfung von Polio würde wirtschaftliche Vorteile von 40 bis 50 Milliarden US-Dollar in den nächsten 20 Jahren bedeuten, wobei 85 Prozent einkommensschwachen Ländern zugute kommen könnten.

Die Verminderung der gemeinsamen Bemühungen würde hingegen unausweichlich zur Senkung des Immunitätsniveaus führen und damit den Weg für ein Wiederaufflammen von Polioausbrüchen bereiten.

Die Überwachung der Poliofreiheit in Deutschland hat für das Robert Koch-Institut hohe Priorität: Hier sind sowohl die Geschäftsstellen der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland und der Ständigen Impfkommission als auch das Nationale Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren angesiedelt.

Fazit: Die Polio-Eradikation ist keine Frage von technischer oder wissenschaftlicher Machbarkeit, sondern eine Frage des politischen und gemeinschaftlichen Willens, den Plan zu finanzieren und vor Ort umzusetzen.

Sie kann das Vermächtnis unserer Generation an alle zukünftigen Generationen werden. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir Geschichte schreiben und Polio ein für alle Mal besiegen.

[20.04.2013, 22:55:43]
Dr. Michael Dörr 
Experten aus dem ÖGD
Eine erfreuliche Perspektive. Mich würde noch interessieren,
welche Fachleute aus dem Öffentlichen Gesundheitsdienst = ÖGD (Gesundheitsämtern!) momentan in die Thematik eingebunden sind bzw. die Resolution mitverfasst haben.
Letztlich ist die Ausrottung der Poliomyelitis vor allem den großen Anstrengungen des ÖGD vor Ort in den Sechziger und Siebziger Jahren -Stichwort: Schluckimpfung als kommunale und staatliche pimärpräventivmedizinische Aufgabe- zu verdanken.

M. Dörr
www.oegd.de
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