Ärzte Zeitung online, 11.02.2019

Influenza

Wie gut ist die Welt gegen die Tricks der Viren gerüstet?

Weltweit sterben pro Jahr 650.000 Menschen an Influenza. Zwar gibt es heute rund um den Globus Überwachungssysteme – vor welchen Herausforderungen diese aber stehen, hat einmal mehr die vergangene heftige Grippesaison deutlich gemacht.

Von Anne Bäurle

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Influenza-Viren (braun) werden von ihren Wirtszellen (grün) freigesetzt.

© Steve Gschmeissner / Science Photo Library

Als 100 Passagiere im September 2018 auf einem Flug von Dubai nach New York plötzlich respiratorische Symptome hatten, waren die Gesundheitsbehörden alarmiert. Handelte es sich etwa um das gefürchtete MERS-Coronavirus (Middle East respiratory syndrom coronavirus, MERS-CoV)? Sicherheitshalber wurden sämtlich Passagiere unter Quarantäne gestellt, weitere Untersuchungen durchgeführt. So berichtet es die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Die Testergebnisse zeigten allerdings keinesfalls eine Infektion mit dem MERS-CoV an. Vielmehr wurde bei einigen Passagieren eine Infektion mit dem Influenza-Virus nachgewiesen, das im Flugzeug optimale Bedingungen fand, um sich munter zu verbreiten. Die Erleichterung der Behörden war wohl groß.

Jährlich 650.000 Tote

Die Influenza wird von vielen Menschen nicht als besonders gefährliche Erkrankung betrachtet. Dabei sterben Angaben der WHO zufolge jährlich weltweit 650.000 Menschen an der Infektion – das sind rund 60-mal so viele, wie bei der Ebola-Epidemie 2015 / 2016 in Westafrika.

Welche verheerenden Dimensionen eine Influenza-Pandemie haben kann, hat die „Spanische Grippe“, eine der größten Krisen des Gesundheitswesens überhaupt, deutlich vor Augen geführt: 20 bis 50 Millionen Menschen starben 1918 an der Infektion mit dem ungewöhnlich virulenten A / H1N1-Influenza-Subtyp, deutlich mehr als im gesamten 1. Weltkrieg. Ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung war mit dem Virus infiziert – insgesamt 500 Millionen Menschen.

1957 folgte mit der „Asiatischen Grippe“ die zweite große Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts, an der eine Million Menschen starben, und nur wenige Jahre später, 1968, die dritte, sogenannte „Hong Kong-Grippe“, an der drei Millionen Infizierte starben.

Heute, 100 Jahre nach der Spanischen Grippe, hat sich die Welt natürlich weitergedreht. Es gibt antivirale Medikamente, Impfstoffe, diagnostische Tests und moderne Überwachungssysteme, viele von ihnen unter dem Dach der WHO. Dennoch ist eine Influenza-Pandemie auch heute keineswegs harmlos: Die letzte Pandemie, die sogenannte „Schweinegrippe“, breitete sich 2009 über 214 Länder und Territorien aus. WHO-Angaben zufolge starben zwischen 105.000 und 395.000 Menschen weltweit.

Was ist der Trick der Viren?

Der Trick des Influenza-Virus ist dabei so einfach wie wirkungsvoll: Über Antigenshift und Antigendrift verändert sich seine Oberflächenstruktur permanent, das Immunsystem sieht sich immer neuen Pathogenen gegenüber.

Als „wichtigstes Werkzeug“ gegen die sich ständig verändernden Influenza-Viren gilt heute das bereits 1952 gegründete und seitdem ständig weiterentwickelte und erweiterte „Global Influenza Surveillance and Response System“ (GISRS) der WHO.

Aktuell gehören zum GISRS 153 Institutionen aus 114 Ländern, die ständig aktuelle Daten an die WHO melden: Welche Influenza-Typen zirkulieren in der Bevölkerung? Wie virulent sind die jeweiligen Subtypen? Welche weiteren Influenza-Viren sind innerhalb von Tierpopulationen verbreitet – und besteht möglicherweise sogar die Gefahr, dass ein Influenza-Subtyp vom Tier auf den Menschen übergeht?

Mismatch in der Grippesaison 2017 / 2018

In Deutschland ist das Robert Koch-Institut mit dem Nationalen Referenzzentrum für Influenza (NRZ Influenza) Teil des Überwachungssystems GISRS. Während das NRZ Influenza dabei die Aufgaben der internationalen Influenza-Surveillance übernimmt, erfolgt die nationale virologische Influenza-Überwachung vorrangig über die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI).

Etwa ein Prozent der primärversorgenden Ärzte in Deutschland meldet einmal pro Woche Daten an die AGI: Wie viele Patienten mit Atemwegsinfektionen in ihre Praxis gekommen sind, wie viele Krankschreibungen sie wegen solcher Erkrankungen ausgestellt haben, wie viele Patienten in die Klinik eingewiesen werden mussten und wie viele durch Atemwegsinfekte bedingte Todesfälle es gab.

Auf Grundlage dieser Daten entsteht die wöchentliche Grippe-Karte, die während der Influenza-Saison freitags auch in der „Ärzte Zeitung“ zu finden ist. Das Überwachungssystem der AGI ist also ein ganz wesentlicher Beitrag zur Influenza-Surveillance in Deutschland.

Dass die weltweiten Überwachungssysteme allerdings immer noch vor Herausforderungen stehen, hat die vergangene Influenza-Saison, die in Deutschland besonders heftig ausgefallen ist, deutlich gezeigt. Durch einen Mismatch hatte die WHO den Influenza-B-Subtyp der Yamagata-Linie bei ihren Empfehlungen zur Influenza-Vakzine nicht berücksichtigt – der hatte aber die meisten Influenza-Fälle verursacht.

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