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Ärzte Zeitung online, 12.07.2019

Weniger Angst und Schmerzen

Im Bann der virtuellen Fantasie

Die Angst und das Schmerzempfinden bei einem medizinischen Eingriff kann man bei Kindern offenbar deutlich abmildern, wenn sie mithilfe einer VR-Brille in eine andere Welt abtauchen. Ein Faktor ist dabei entscheidend für den Erfolg.

Von Elke Oberhofer

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Vor allem jüngere Kinder sprachen auf die VR an. Bei ihnen ist das „Magische Denken“ noch ausgeprägter.

© Newman Studio / Getty Images

ROTTERDAM. Inwieweit sich Kinder mithilfe der virtuellen Realität (VR) von schmerzhaften oder angsteinflößenden Eingriffen ablenken lassen, hat ein Team aus den Niederlanden untersucht (Anesthesia Analgesia 2019; online 23. Mai). In der Metaanalyse von 17 Studien waren die Effektstärken deutlich, sowohl für die Reduktion von Angst als auch von Schmerzen.

In sechs der ausgewählten Studien hatte man die VR bei der Versorgung von Brandwunden eingesetzt, in zwei während eines zahnmedizinischen Eingriffs. Jeweils vier Studien hatten sich auf venöse Zugänge beziehungsweise Maßnahmen im Rahmen einer onkologischen Behandlung (beispielsweise Lumbalpunktion, Portzugang oder Chemotherapie) fokussiert.

In allen Studien hatten die Kinder während des Eingriffs ein HMD (Head-Mounted Display) getragen, wodurch sie die Illusion erhielten, sich in einer virtuellen Welt zu befinden. In einer weiteren Studie wurde die VR-Brille ausschließlich vor dem Eingriff genutzt, nämlich zum Angstabbau vor einer elektiven Operation unter Allgemeinanästhesie.

Stärkste Wirkung bei Verbrennungen Bei 14 der in die Metaanalyse untersuchten Studien handelte es sich um randomisierte kontrollierte Studien, wobei die VR der jeweils üblichen Versorgung gegenübergestellt wurde. Letztere konnte auch konventionelle Ablenkungsmaßnahmen wie Fernsehen oder Musikhören enthalten. Im Schnitt waren pro Studie 38 Kinder beteiligt; die Teilnehmer waren zwischen 4 und 21 Jahre alt.

Bei den Studien zum Schmerz (n = 14) war die mithilfe von Fragebögen beziehungsweise visuellen Analogskalen erfasste Effektstärke ausgeprägt, mit einem SMD (standardized mean difference) von 1,3 (95%-KI 0,68–1,91; p < 0,001). Die schmerzlindernde Wirkung wurde von außenstehenden Beobachtern bestätigt.

Alter ist entscheidend

Wie die Forscher um Robin Eijlers von der Kinderklinik des Erasmus Medical Center in Rotterdam betonen, nahm der Effekt jedoch mit zunehmendem Alter der Kinder ab (pro Lebensjahr um 0,26). Am besten funktionierte die Intervention bei Kindern mit Brandwunden, gefolgt von Kindern, bei denen Blut abgenommen werden sollte.

Bei den onkologischen Maßnahmen zeigte sich dagegen in puncto Schmerzen kein signifikanter Unterschied zur Vergleichsgruppe.

In sieben Studien wurde (auch) der Effekt der VR als Angstlöser untersucht. Die Effektstärke war auch hier beachtlich (SMD 1,32; 95%-KI 0,21–2,44; p = 0,2), und auch hier wirkte die Intervention bei jüngeren Kindern besser als bei älteren. Ihren Zweck erfüllte die VR speziell auch bei der Angst vor onkologischen Maßnahmen (SMD 0,53).

Für Eijlers und Kollegen ist die angstlösende Komponente der VR insofern bedeutsam, als antizipatorische Ängste vor einer medizinischen Intervention nicht nur Stress, sondern auch Schmerzen während der Maßnahme verstärken können.

Die Tatsache, dass vor allem jüngere Kinder auf die VR ansprachen, erklären die Forscher damit, dass bei ihnen das "magische Denken" oft noch sehr stark ausgeprägt sei. Dadurch seien sie in der Lage, sich vollständig von einer Fantasie in Bann schlagen zu lassen. Bei der VR wird das Eintauchen in die imaginäre Welt dadurch verstärkt, dass man im jeweiligen Szenario nicht nur die Position, sondern auch Raumorientierung und Perspektive wechseln kann.

Was schränkt die Studie ein?

In den einzelnen Studien kam allerdings sehr unterschiedliche Software zur Anwendung; außerdem viele verschiedene medizinische Maßnahmen, bei denen der VR-Effekt untersucht wurde. Das schränkt die Generalisierbarkeit der Befunde ein.

Fazit: Die Virtuelle Realität lässt sich in der Pädiatrie möglicherweise dazu nutzen, Ängste und Schmerzen bei Kindern im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen abzubauen. Vor dem Einsatz in der Praxis sind weitere Studien zur Objektivierung der Effekte erforderlich..

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Wie wirksam lassen sich bei pädiatrischen Patienten mithilfe der Virtuellen Realität (VR) Ängste und Schmerzen im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen lindern?
  • Antwort: In einer Metaanalyse war die VR konventionellen Maßnahmen deutlich überlegen.
  • Bedeutung: Insbesondere bei jüngeren Kindern könnte die VR als einfaches Mittel zum Angst- und Schmerzabbau eingesetzt werden.
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