Ärzte Zeitung, 31.01.2005

Nanomediziner nehmen Tumoren ins Visier

Nanoteilchen mit Eisenoxid werden durch Magnetfeld erhitzt / Erste Erfolge in Phase-I/II-Studien beim Glioblastom

BERLIN (gvg). Zu den Krankheiten, die von Nanomedizinern besonders ins Visier genommen werden, gehören bösartige Hirntumoren. Mit ein Grund: Die therapeutischen Möglichkeiten der klassischen Onkologie sind hier begrenzt. Zudem ist die Blut-Hirn-Schranke eine Herausforderung für das Design von Nanoteilchen.

Der Biologe Dr. Andreas Jordan vom Center of Biomedical Nanotechnology der Charité Berlin gehört zu den ersten, die eine Krebstherapie mit speziell erzeugten Nanoteilchen in klinischen Studien testen. Seine MagForce® Nanopartikel enthalten einen zehn bis 15 Nanometer kleinen Kern aus Eisenoxidpartikeln, der von einer Hülle aus Aminosilan-Molekülen umgeben ist.

Anders als bei anderen in der Nanotechnik verwendeten Hüllstoffen werden Nanopartikel mit einer Aminosilanhülle relativ spezifisch von Glioblastomzellen, nicht aber von gesunden Gliazellen aufgenommen, wie Jordan auf einer Veranstaltung des Bundesverbands Medizintechnologie in Berlin erläuterte.

Einmal im Tumor werden die Eisenpartikel durch Anlage eines Magnetfelds zu Wärmeproduzenten, die je nach gewählter Zieltemperatur das Tumorgewebe entweder wegbrennen (abladieren) oder die lokale Wirkung von Strahlen- oder Chemotherapie verstärken. Daß das funktioniert, konnte Jordan in zwei Phase-I/II-Studien mit 14 Glioblastompatienten und 15 Patienten mit therapieresistenten Lokalrezidiven von Beckentumoren zeigen.

"Unsere behandelten Glioblastompatienten leben bis jetzt im Mittel dreimal länger, als es die in der Literatur beschriebene Prognose erwarten ließ", so Jordan. In der zweiten Studie seien bei 14 von 15 Patienten über einen Beobachtungszeitraum von mittlerweile 19 Monaten die Tumoren nicht mehr gewachsen. "Bei drei Patienten konnte sogar eine komplette Rückbildung des der Hyperthermie ausgesetzten Tumorgewebes erreicht werden", so Jordan.

Jordan freilich hat im Moment noch das Problem, daß seine Nanoteilchen direkt in den Tumor injiziert werden müssen. Professor Jörg Kreuter vom Institut für Pharmazeutische Technologie der Universität Frankfurt will erreichen, daß das nicht mehr nötig ist. Seine zytostatikahaltigen Nanopartikel werden von ihm mit Polysorbat überzogen. Nach i.-v.-Injektion lagern sich Apolipoproteine an die Nanoteilchen.

"Letztlich wird dadurch ein LDL-Partikel simuliert, und die Nanoteilchen gelangen über LDL-Rezeptoren in die Endothelzellen der Bluthirnschranke", so Kreuter zur "Ärzte Zeitung". Damit ist das von Kreuter gerne eingesetzte Doxorubicin zwar im Gehirn, aber noch nicht am Tumor. Das sollen spezifische Antikörper richten, die an Tumorantigene binden und die Kreuter jetzt zusätzlich an die Nanopartikel anmontieren will.

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