Ärzte Zeitung, 08.11.2007

INTERVIEW

"Letztlich wird die Lebenserwartung der alten Patienten mit Krebs unterschätzt"

NEU-ISENBURG. Etwa aus Angst vor den unerwünschten Wirkungen der Therapie werden alter Krebspatienten noch immer nicht optimal versorgt. Zudem werden weniger alte als junge Patienten in Studien aufgenommen. Registerstudien sollen nun klären, in wie weit eine Unter- oder Überbehandlung stattfindet, sagt Dr. Ulrich Wedding aus Jena im Gespräch mit Peter Leiner von der "Ärzte Zeitung".

 "Letztlich wird die Lebenserwartung der alten Patienten mit Krebs unterschätzt"

Gespräch mit einem Krebspatienten. Aus Angst vor unerwünschten Wirkungen werden viele alte Patienten nur suboptimal behandelt.

Foto: Klinikum Region Hannover

Ärzte Zeitung: Welche Haupt-Defizite gibt es derzeit in der Versorgung alter Krebspatienten?

Dr. Ulrich Wedding: Hauptdefizit ist noch immer der Mangel an klinischen Daten zur Therapie, sodass wir für viele Therapie-Entscheidungen keine evidenzbasierte Grundlage haben. Nur wenige alte Patienten erhalten eine adjuvante Therapie, wie viele genau, das wissen wir derzeit nicht. In einer im Jahr 2002 publizierten Studie zum Kolorektal-Ca etwa hatte keiner der über 80-jährigen Patienten eine adjuvante Therapie erhalten. Wir gehen aber davon aus, dass Rezidive beim Kolorektal-Ca zu 80 Prozent innerhalb der ersten 2 bis 3 Jahre nach der Primärdiagnose auftreten. 80-Jährige leben im Durchschnitt noch acht Jahre, sodass wir hier von Unterversorgung ausgehen.

Ärzte Zeitung: Wie groß ist der Anteil der alten Krebspatienten in onkologischen Studien?

Wedding: Für Deutschland gibt es dazu keine Zahlen. US-Daten zufolge sind etwa 20 Prozent der Patienten in Studien über 65 Jahre alt, etwa 10 bis 15 Prozent über 70 Jahre. Früher gab es in den Studien häufig eine feste Grenze: nur bis 65 oder 70 Jahre konnten Patienten in Studien aufgenommen werden. Diese Obergrenzen sind inzwischen gekippt worden. Das hat aber nur zum Teil dazu geführt, dass mehr ältere Patienten in Studien aufgenommen wurden.

Ärzte Zeitung: Warum gibt es aus Deutschland keine Zahlen dazu?

Wedding: Weil wir keine zentralen Studienregister wie in den USA haben. Auch in großen Studiengruppen etwa wie der AIO, der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie, sind die Studiendatenbanken in den Studienzentren und nicht zentral gesammelt.

Ärzte Zeitung: Außer dass klinische Daten zur Therapie bei alten Patienten fehlen - gibt es weitere Gründe für die suboptimale Therapie?

Wedding: Ja, so hat man zum Beispiel Angst vor der Toxizität der Therapie. Und letztlich wird die Lebenserwartung der Patienten unterschätzt. Die Ursache einer Untertherapie liegt aber auch bei den Patienten, die Angst vor der Chemotherapie haben. Zudem sagen einige, sie seien zu alt für die Krebstherapie. Gerade alte Patienten haben aber zu wenige Infos über die im Vergleich zu früher deutlich besseren Therapien.

Ärzte Zeitung: Wie wird versucht, die Therapiesituation zu verbessern?

Wedding: Wir wollen zunächst mehr Daten aus der Behandlungsrealität erfassen. Dazu sind Registerstudien auf den Weg gebracht worden. Dadurch können wir mehr über die tatsächliche Behandlungssituation lernen. Darüber hinaus sollen über die Studiengruppen speziell Studien für ältere Patienten begonnen werden.

Ärzte Zeitung: Wie können Onkologen an Registerstudien teilnehmen?

Wedding: Über die AIO wird die Teilnahme an zwei großen Registerstudien angeboten, zum Kolorektal- und Mamma-Ca. Zudem bietet die Initiative Geriatrische Hämatologie und Onkologie IN-GHO® Registerstudien an. Sie hat eine Internet-Plattform.

Ärzte Zeitung: Was halten Sie von einem Screening ab 70 Jahren vor Therapiebeginn?

Wedding: Das wird von nationalen und internationalen Fachgesellschaften schon empfohlen. Ich empfehle dieses geriatrische Assessment, weil wir dadurch Defizite der Patienten erkennen, wo durch eine gezielte Unterstützung der Patienten die Krebstherapie ganz anders ausgerichtet werden kann. Wir müssen zudem etwa dann, wenn wir kognitive Defizite erkennen, für eine bessere Compliance sorgen, etwa bei der Einnahme von Arzneien und bei der Wahrnehmung von Kontrolluntersuchungen.

Ärzte Zeitung: Das Assessment ist recht umfangreich. Gibt es für die Praxis eine abgespeckte Version, etwa für nur 15 Minuten?

Wedding: Ja, die gibt es. Wir haben zum Beispiel in einer onkologischen Schwerpunktpraxis in Köln ein Assessment erfolgreich erprobt, das dauerte nur etwa 20 Minuten. Darin werden funktioneller Status, Mobilität, Kognition, Komorbiditäten, kognitive Defizite und Depressionen ermittelt.

Die Internet-Plattform für die Registerstudien ist erreichbar unter der Adresse http://www.in-gho.de

ZUR PERSON

Dr. Ulrich Wedding ist Hämato-Onkologe und Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II (Hämatologie, Onkologie, Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie) am Uniklinikum Jena. Leiter der Klinik ist Professor Klaus Höffken. Wedding koordiniert darüber hinaus unter anderem die klinische Forschungsgruppe "Geriatrische Onkologie" der Universität Jena.

STICHWORT

Krebs im Alter

Das mittlere Erkrankungsalter bei Krebs liegt bei Männern und Frauen bei etwa 69 Jahren. Das mittlere Sterbealter bei Krebs liegt für Männer bei knapp 71 Jahren, für Frauen bei knapp 76 Jahren. Die häufigsten Tumoren in dieser Gruppe sind Kolorektal-, Prostata-, Mamma- und Bronchial-Karzinom. Das mediane Erkrankungsalter beim Mamma-Karzinom liegt bei 62 Jahre, etwa 30 Prozent dieser Frauen sind über 70 Jahre alt. Beim Kolorektal-Karzinom beträgt das mediane Erkrankungsalter für Männer 69 Jahre, für Frauen 75 Jahre. Beim Prostata-Ca sind ebenfalls mehr als die Hälfte der Patienten über 70 Jahre alt. Beim Bronchial-Ca liegt das mediane Erkrankungsalter bei etwa 68 Jahre, der Anteil der über 70 Jahre alten Patienten liegt hier bei über 40 Prozent.

Lesen Sie dazu auch:
Alte Krebskranke im Fokus der Onkologen

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