Ärzte Zeitung online, 23.02.2018

Versorgungsforschung

Big Data: Eigentlich ist schon alles da

Wie in Studien geprüfte Maßnahmen im klinischen Alltag wirken, soll Versorgungsforschung klären. Dazu notwendig sind entsprechende Daten aus der Regelversorgung. Die gibt es auch in der Onkologie zuhauf, aber so mancher Datenschatz kann erst nach und nach gehoben werden.

Von Friederike Klein

Big Data: Eigentlich ist schon alles da

Daten können auch in der Onkologie helfen, die Versorgung zu verbessern, etwa wenn sich herausstellt, dass Therapeutika nicht in praxistauglicher Dosierung auf dem Markt sind.

© chombosan / Getty Images / iStock

BERLIN. Schon länger werten die gesetzlichen Krankenkassen ihre Versichertendaten aus. Mit den Daten der Barmer, die eine für die Bundesrepublik repräsentative Population versichert, lasse sich beispielsweise zeigen, dass die Hälfte aller Arzneimittelkosten für immer weniger Patienten ausgegeben wird, berichtete Professor Christoph Straub aus Berlin, Vorstandsvorsitzender der Barmer, beim Krebskongress.

Nach seinen Angaben benötigten 2010 insgesamt 4,6 Prozent der Versicherten die Hälfte aller Kosten, 2016 nur 2,9 Prozent. Gerade die Ausgaben für Krebsmedikamente steigen weiter – von 2011 bis 2015 um 41 Prozent. Mit solchen Statistiken will Straub – früher als Strahlentherapeut selbst onkologisch tätig – ausdrücklich nicht die Finanzierung der bestmöglichen Krebsbehandlung nach dem Stand der Wissenschaft infrage stellen. Es geht aber darum, Strategien zu entwickeln, wie man mit dieser Entwicklung umgeht.

Millionen landen im Müll

Einen Vorschlag, wie zumindest einige Geldmittel freigemacht werden könnten, hat er auch: Einige Arzneimittel sind in praxisuntauglichen Dosierungen auf dem Markt. Die Folge: Millionenbeträge werden in Form von nicht verbrauchten Resten verworfen. Beispiel Bortezomib: Die für die Dosierung gut zu handhabende Dosisstärke von 1 mg sei vom Markt genommen worden, so Straub, die jetzt noch erhältliche mit 3,5 mg Wirkstoff liege deutlich über den 2,2 mg, die im Durchschnitt pro Patient verbraucht würden. Die Kosten aus dem resultierenden Verwurf bezifferte Straub auf 16 Millionen Euro jährlich. Er forderte, dass bereits für die Zulassung praxistaugliche Einzeldosisstärken verfügbar gemacht werden müssten. Das würde den Verwurf auf etwa 3 Prozent reduzieren.

Register für alle!

Ob Innovationen tatsächlich auch beim Patienten ankommen und ihm nutzen, will die Deutsche Krebsgesellschaft stärker in den Mittelpunkt rücken. Dabei haben die klinischen Krebsregister für Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, eine wichtige Bedeutung.

Das Idealbild ist eine Wissen generierende Versorgung: Praktisch jeder Krebspatient ist erfasst. Wenn er nicht an einer Studie teilnimmt, dann zumindest in einem Register. Dann lassen sich Wirksamkeit und Sicherheit neuer Medikamente und Therapieverfahren an einer normalen Krankenpopulation überprüfen und insbesondere auch die Eignung von Therapien für in Zulassungsstudien kaum erfasste Patienten, wie zum Beispiel alte Menschen, besser beurteilen.

Aktuell erfassen klinische Krebsregister in Deutschland allerdings beispielsweise erst etwa 31 Prozent aller Patienten mit neu diagnostiziertem Darmkrebs, berichtete Professor Stefan R. Benz von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren (ADT).

Wust von Zertifizierungsdaten zusammenführen!

Die Zertifizierung von Organkrebszentren durch die Deutsche Krebsgesellschaft ist ein Erfolgsmodell. Längst wurde die Zertifizierung in Nachbarländer exportiert, selbst China und Russland hätten Interesse, berichtete Christoph Kowalski von der Deutschen Krebsgesellschaft.

Die Zertifizierung nutzt die gewonnen Daten aller Teilnehmer allerdings nur in der Zusammenschau, nicht aber Daten auf Patientenebene. Die sind vorhanden, allerdings in einer Vielzahl von Dokumentationssystemen der Zentren oder Register ohne einheitliche Datenstruktur.

Mit dem System OncoBox der Deutschen Krebsgesellschaft ist es nun endlich möglich, diese Daten zusammenzuführen und so zu vereinheitlichen, dass sie gemeinsam ausgewertet werden können. So lässt sich prüfen, ob Qualitätsindikatoren eingehalten werden, wie die Versorgung in einzelnen Regionen im Vergleich ist, ob Leitlinienempfehlungen eingehalten werden oder wie sich beispielsweise die Therapie über die Zeit verändert.

Das in Entwicklung befindliche OncoBox-Research-Projekt geht noch weiter: Die Daten der Zentren sollen an zentraler Stelle zusammengefasst und gemeinsam mit den Behandlern ausgewertet werden. Ziel ist, das Verständnis für Versorgungsforschung in der Fläche zu stärken und das erlangte Wissen in die Routineversorgung zu integrieren.

Durch die Datenmenge – 200.000 Patienten mit Erstdiagnose Krebs werden derzeit in den Zentren pro Jahr erfasst – sei so endlich auch die Erforschung kleiner Populationen möglich, beispielsweise von Männern mit Brustkrebs, erläuterte Kowalski.

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