Ärzte Zeitung, 29.05.2017
 

US-Studie

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen.

Von Thomas Müller

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

Mehr Nichtraucher mit Lungenkrebs wegen Passivrauchen?

© Ulrich Baumgarten / picture alliance

DALLAS. Rund 90 Prozent der Patienten mit Lungenkrebs rauchen oder haben in der Vergangenheit geraucht, entsprechend sind etwa 10 Prozent der Betroffenen Nichtraucher. Doch dieser Anteil scheint sich zu erhöhen: US-Ärzte um Dr. Lorraine Pelosof von der Universität in Dallas fanden über 20 Jahre hinweg eine Verdoppelung dieses Anteils (J Natl Cancer Inst 2017; 109(7).

Die einfachste Erklärung dafür scheint zunächst ein zurückgehender Tabakkonsum zu sein: Wenn immer weniger Menschen rauchen, gibt es irgendwann auch weniger tabakbedingte Lungentumoren, folglich muss der Anteil der Nichtraucher bei den Lungenkrebskranken zunehmen, auch wenn die Inzidenz gleich bleibt.

Doch so einfach ist es nicht. Nach den US-Daten steigt auch die absolute Zahl von Nichtrauchern mit Lungenkrebs. Danach könnte die Inzidenz unter Nichtrauchern tatsächlich in die Höhe gehen.

10 Prozent Niemalsraucher

Für ihre Untersuchung haben die Ärzte um Pelosof Angaben zu knapp 10.600 Patienten mit nichtkleinzelligen (NSCLC) und zu 1510 mit kleinzelligen Lungentumoren (SCLC) ausgewertet. Alle waren zwischen 1990 und 2011 in drei US-Kliniken behandelt worden. Zwei der Kliniken befinden sich in Dallas, eine in Nashville. Alle drei Zentren führen ein Krebsregister mit Angaben zum Raucherstatus. Über den gesamten Zeitraum hinweg stellten Niemalsraucher rund 10 Prozent aller Lungentumorpatienten. Solche Patienten gelangten im Schnitt etwas jünger in die Klinik als die Raucher (61 versus 63 Jahre). Auffallend war auch der hohe Frauenanteil (66 Prozent) bei den Nichtrauchern mit Lungenkrebs.

Entsprechend fand sich bei den Frauen mit Lungenkrebs ein deutlich höherer Nichtraucheranteil als bei den Männern (17,5 versus 6,9 Prozent). Bezogen auf NSCLC nahm der Anteil der Niemalsraucher zwischen 1990 und 2011 von 8,0 auf 14,9 Prozent zu. Ein Anstieg zeigte sich dabei in allen drei Klinikregistern.

Über die Jahre hinweg stieg sowohl die Zahl der rauchenden NSCLC-Patienten als auch der nichtrauchenden: bei den Rauchern auf das 4,5-Fache (von 623 in den Jahren 1990–1995 auf 2810 im Zeitraum 2006–2010), bei den Niemalsrauchern auf das Siebenfache (von 54 auf 372). Die Zahl der Niemalsraucher mit SCLC stieg ebenfalls, von 2 auf 13; bei ihnen waren die Veränderungen jedoch nicht signifikant, hier gab es wohl schlicht zu wenige Betroffene.

Wie lässt sich der Anstieg erklären?

Auffallend ist wiederum, dass vor allem der Anteil von niemalsrauchenden Frauen über die Zeit anwuchs (von 10,2 auf 22,1 Prozent) und weniger der der Männer (von 6,6 auf 8,9 Prozent). Bei den Tumorstadien zum Zeitpunkt der Diagnose unterschieden sich die Raucher und Niemalsraucher nicht, was ausschließt, dass bei Nichtrauchern häufiger indolente Tumoren erkannt werden.

Wie lässt sich nun der Anstieg erklären? Die Autoren der Analyse geben zu, dass sich anhand von drei Klinikregistern noch keine zunehmende Inzidenz von Lungentumoren in der nichtrauchenden Bevölkerung nachweisen lässt, es könnte diverse lokale Gründe dafür geben. Ähnliche Beobachtungen hätten aber auch schon Kliniken in Großbritannien gemacht.

Nun sollte in größeren Bevölkerungsregistern analysiert werden, ob die Inzidenz von Lungenkrebs bei Nichtrauchern tatsächlich steigt. In diesem Fall müssten gründliche epidemiologische Forschungen zu den Ursachen in Gang kommen.

Eine naheliegende Erklärung ergibt sich jedoch schon aus den vorhandenen Daten: Über lange Zeit war der Raucheranteil bei den Männern weitaus höher als bei den Frauen. Dass nichtrauchende Frauen dreifach häufiger an Lungenkrebs erkranken als nichtrauchende Männer, könnte schlicht eine Folge des Passivrauchens sein: So dürften weitaus mehr Frauen dem Qualm ihres Partners ausgesetzt gewesen sein als umgekehrt. Hinzu kommt das mit dem Alter generell steigende Risiko für Tumoren jeglicher Art. Da Frauen länger leben, tragen sie wohl auch mehr zu einer altersbedingt steigenden Lungenkrebsinzidenz bei.

In künftigen Studien sollte also nicht nur der Raucher-, sondern auch der Passivraucherstatus erfasst werden. Zudem muss die Inzidenz altersadjustiert berechnet werden.

Ergebnisse der Studie

- Der Anteil der Niemalsraucher unter den NSCLC-Patienten stieg zwischen 1990 und 2011 von 8,0 auf 14,9 Prozent, bei den SCLC-Patienten von 1,5 auf 2,5.

- Der Anteil der niemalsrauchenden Frauen unter den Lungenkrebspatientinnen stieg von 10,2 auf 22,1 Prozent. Bei den Männern stieg der Anteil von 6,6 auf 8,9 Prozent.

- Die Forscher vermuten, dass dies eine Folge des Passivrauchens sein könnte: Lange konsumierten mehr Männer als Frauen Tabak, daher dürften mehr Frauen von Passivrauchen betroffen sein.

Lesen Sie dazu auch:
WHO fordert Kampf gegen Tabak

[30.05.2017, 07:02:06]
Stefan Graf 
Häme und neue Risikofaktoren
Vermutlich werden die Rüchsichtslosen unter den uneinsichtigen Rauchern diese Studien mit reichlich Häme quittieren und weiterhin die Mär verbreiten, die Schädlichkeit des Passivrauchens sei nicht bewiesen und außerdem sei Helmut Schmidt ja auch fast 100 geworden - unverbesserlich!

Wichtig scheint mir aber auch an neuere Risikofaktoren zu denken, die Frauen härter treffen könnten - z. B. der Tattoo-Wahnsinn. Dass toxische Inhaltsstoffe der Tattoofarben(polyzyklische aromat. Kohlenwasserstoffe, Schwermetalle, Azo-Pigmente) in die Lymphe übertreten und damit letztlich im Körper verteilt werden, ist mittlerweile unstrittig. Beim Alkohol und Nikotin ist die niedrigere weibliche Toleranz erwiesen. Zwar ist die Cancerogenität großflächiger Tattoos mangels der Praktikabilität von Langzeitversuchen am Menschen noch nicht bewiesen. Doch die In-vivo-Studie läuft ja gerade in Form der den Globus umspannenden "Tattoo-Manie"!

Dr.Stefan Graf, Berlin zum Beitrag »

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