Ärzte Zeitung online, 14.03.2018

Ernährung

Schützen Möhren, Bier und Pizza vor Darmkrebs?

Forscher haben Lebensmittel in Hinblick auf ihr entzündliches Potenzial getestet. Sie wollten prüfen: Welche Zusammenhänge zwischen Kost und dem Auftreten von Darmkrebs gibt es?

Von Peter Leiner

Wieso könnte das Knabbern von Möhren Darmkrebs verhindern?

Karotten gehören zu den Nahrungsmitteln mit geringem entzündlichen Potenzial.

© LoloStock / stock.adobe.com

BOSTON. Wer regelmäßig Nahrungsmittel verzehrt, die ein geringes Potenzial für die Entstehung systemischer Entzündungsprozesse haben, trägt offenbar dazu bei, sein Risiko für ein kolorektales Karzinoms zu senken.

Dieser Zusammenhang wurde in zwei prospektiven US-Studien entdeckt. Forscher haben dafür die Daten der beiden noch laufenden US-Studien NHS (Nurses' Health Study) und HPFS (Health Professionals Follow-up Study) herangezogen.

An der 1976 begonnenen NHS-Studie nehmen mehr als 120.000 Krankenschwestern teil, die zu Studienbeginn zwischen 30 und 55 Jahre alt waren, an der 1986 gestarteten Studie HPFS fast 52.000 im Gesundheitswesen tätige Männer zwischen 40 und 75 Jahren.

Geprüft wurde der Zusammenhang zwischen dem Verzehr entzündungsfördernder Nahrungsmittel und dem Darmkrebsrisiko (JAMA Oncol 2018; online 18. Januar).

39 Lebensmittelgruppen

Die Forscher um Dr. Fred K. Tabung, Harvard T. H. Chan School of Public Health in Boston, nutzten für ihre Studie das Bewertungssystem EDIP (empirical dietary inflammatory pattern), das sie 2016 mithilfe der Daten von 5230 Frauen der NHS entwickelt und validiert hatten.

Dabei wurden 39 Lebensmittelgruppen berücksichtigt und jeweils getestet, wie hoch das inflammatorische Potenzial ist – auf Basis der Entzündungsmarker IL-6, CRP und TNF-alpha-Rezeptor 2.

In der aktuellen Analyse beschränkten sich die Forscher zur Ermittlung des EDIP auf 18 Lebensmittelgruppen mit hohem oder niedrigem entzündungsförderndem Potenzial.

Hohe Scores werden etwa durch Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch, bestimmten Gemüsearten, Fisch, Tomaten und Erfrischungsgetränke wie Cola erreicht.

Schutz vor Krebs?

Nahrungsmittel mit geringem entzündlichen Potenzial waren in einer Studie:

» Bier und Wein,

» Fruchtsäfte,

» Karotten, süße Kartoffeln, grünes Blattgemüse,

» Pizza.

Geringes entzündliches Potenzial haben Bier, Wein, Fruchtsäfte, Karotten, süße Kartoffeln, grünes Gemüse und Pizza. Die Informationen zu Ernährung, Lebensstil und Gesundheit wurden alle vier bzw. zwei Jahre abgefragt.

Insgesamt nahmen mehr als 46.800 Männer und über 74.200 Frauen an der Studie mit einem Follow-up von 26 Jahren teil.

Durch die zwei Jahre Differenz zwischen den unterschiedlichen Befragungen wurde in der statistischen Analyse versucht, eine umgekehrte Kausalität – wegen Symptomen eines Karzinoms wird die Ernährung umgestellt – zu verhindern.

2699 Mal Darmkrebs diagnostiziert

Wie das Team um Tabung berichtet, wurde bei 2699 Patienten über fast 2,6 Millionen Personenjahre erstmals ein Kolorektal-Ca diagnostiziert.

Die Inzidenzrate lag in der niedrigsten EDIP-Quintilgruppe bei 113 (Männer) bzw. 80 (Frauen) pro 100.000 Personenjahre, in der höchsten EDIP-Quintilgruppe bei 151 bzw. 92.

Die Multivariatanalyse ergab, dass Männer der Gruppe mit höchstem EDIP-Score ein um 44 Prozent höheres Risiko für Darmkrebs haben, als Männer der Gruppe mit niedrigstem EDIP-Score.

Frauen ein um 22 Prozent höheres Risiko. Wurden bei der Berechnung Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt, war das Risiko um 32 Prozent erhöht.

Schließlich ergaben Subgruppenanalysen, dass die Höhe des Alkoholkonsums die Zusammenhänge bei den Geschlechtern unterschiedlich beeinflusste.

So lag die Wahrscheinlichkeit für ein Karzinom bei Männern, die angaben, keinen Alkohol zu trinken, in der höchsten EDIP-Quintilgruppe um 62 Prozent höher als bei Männern der Gruppe mit niedrigstem EDIP-Score, und zwar bei stärkerer Assoziation als bei Frauen, bei denen das Risiko nur um 33 Prozent höher als in der Vergleichsgruppe war.

Auch die Assoziation bei übergewichtigen bzw. adipösen Männern war mit einer relativen Risikoerhöhung von 48 Prozent stärker als bei schlanken Frauen mit einem Plus von 31 Prozent.

Aufgrund der Ergebnisse halten die Wissenschaftler es für möglich, mithilfe bestimmter Nahrungsmittel den Entzündungsstatus günstig zu beeinflussen, also etwa durch Verzehr von mehr grünem Blattgemüse und Trinken von weniger gesüßten Erfrischungsgetränken.

Einschränkend weisen sie darauf hin, dass die Informationen per Fragebogen gesammelt worden seien und dass sie nicht alle möglichen Faktoren, die das Studienergebnis hätten verzerren können, berücksichtigt hätten.

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