Ärzte Zeitung online, 26.01.2019

Nurses’ Health Studies

Was hat Feinstaub mit der Prognose bei Brustkrebs zu tun?

Frauen mit Brustkrebs sterben insgesamt nicht früher an dem Tumor, wenn sie in Regionen mit hoher Feinstaubbelastung wohnen. Allerdings ist die Mortalität bei Stadium-I-Tumoren in solchen Gegenden deutlich erhöht.

Von Thomas Müller

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Dicke Luft: Bislang gab es keinen deutlichen Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und Brustkrebsinzidenz.

© rh2010 / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Verkürzt viel Feinstaub das Leben bei Brustkrebs?

 Antwort: Frauen mit Stadium-I-Tumoren haben in belasteten Gebieten eine schlechtere Prognose – unabhängig vom Lebensstil und anderen Faktoren.

 Bedeutung: Hohe Feinstaubwerte könnten die Sterberate bei bestimmten Brusttumoren erhöhen.

 Einschränkung: Feinstaubwerte wurden berechnet, nicht individuell gemessen.

BOSTON. Eine hohe Feinstaubbelastung geht mit einer Reihe von kardiovaskulären Leiden sowie Atemwegserkrankungen einher, wobei nicht immer klar ist, ob und in welcher Weise Feinstaub aus der Umwelt ursächlich daran beteiligt ist. So könnten auch sozioökonomische Gründe dazu führen, dass Menschen an dicht befahrenen Straßen häufiger einen ungesunden Lebensstil pflegen.

Immerhin deuten erhöhte Herzinfarkt- und Schlaganfallraten an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung auf einen akuten kausalen Effekt, für andere Erkrankungen sieht es mit der Evidenz schon etwas schwieriger aus. So ließ sich bislang in epidemiologischen Untersuchungen kein deutlicher Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und Brustkrebsinzidenz zeigen, möglicherweise hat eine verschmutzte Atemluft aber einen Einfluss auf die Mortalität bei Brustkrebs.

Brustkrebs-Daten aus Nurses’ Health Studies

Forscher um Dr. Natalie DuPré von der Harvard School of Public Health in Boston konnten einen solchen Zusammenhang tatsächlich bestätigen, aber nur für lokal begrenzte Tumoren (CEBP 2019; online 15. Januar).

Die Gesundheitsforscher hatten Angaben zu knapp 9000 Frauen ausgewertet, die im Laufe der beiden Nurses’ Health Studies an Brustkrebs erkrankt waren. Ein Vorteil beider Kohorten sind genaue und alle zwei Jahre aktualisierte Daten zum Lebensstil und Wohnort. Erstere fehlen meist in Studien, die Krankheiten mit der Feinstaubbelastung korrelieren.

Die Wissenschaftler hatten nur Frauen berücksichtigt, die zwischen 1988 und 2008 an einem Brusttumor im Stadium I–III erkrankt waren und für die Feinstaubwerte berechnet werden konnten. Die Belastung wurde anhand des Wohnortes, der Nähe zu größeren Straßen sowie meteorologischen Angaben ermittelt.

Bis zum Jahr 2014 registrierten die Forscher 2614 bestätigte Todesfälle, davon gingen 1211 (46 Prozent) auf das Konto von Brusttumoren. Im Schnitt waren die Patientinnen bis zu diesem Zeitpunkt nach der Krebsdiagnose noch fast 13 Jahre lang nachbeobachtet worden.

Die Werte für den besonders lungengängigen Feinstaub (PM2,5) betrugen im Mittel rund 13 Mikrogramm pro Kubikmeter (μg/m3), für den etwas gröberen (PM10) waren es 22 μg/m3. Zum Vergleich: In der EU gilt als Limit für PM10 ein Jahresmittelwert von 40 μg/m3.

Wann die Brustkrebsmortalität erhöht ist

Berücksichtigten die Forscher nur Alter und Diagnosejahr der Patientinnen, ergab sich zunächst ein signifikanter Zusammenhang mit den Werten für PM2,5, nicht aber für PM10. Pro Anstieg um 10 μg/m3 beim PM2,5 ließ sich eine um 29 Prozent höhere Brustkrebsmortalität berechnen.

Berücksichtigten die Forscher jedoch Tumorcharakteristika, Lebensstilfaktoren, BMI, Begleiterkrankungen und sozioökonomischen Status, zeigten sich keine signifikanten und auch fast keine numerischen Unterschiede mehr.

Schauten sich die Wissenschaftler die Tumorstadien bei der Diagnose an, so fanden sie jedoch bei Stadium-1-Patientinnen bei hohen PM2,5-Werten eine signifikant erhöhte Brustkrebsmortalität. Diese stieg pro 10 μg/m3 um 64 Prozent.

Auch die Gesamtmortalität hatten die Forscher im Blick. Berücksichtigten sie wiederum nur Alter und Diagnosedatum, zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe der Feinstaubbelastung und der Sterberate, vor allem bei hohen PM2,5-Werten. Doch auch dieser Zusammenhang wurde fast komplett ausradiert, je mehr Begleitfaktoren in die Rechnung einflossen.

Zum Schluss ergab sich nur noch ein knapp signifikanter Zusammenhang für hohe PM10-Werte: Pro Anstieg um 10 μg/m3 fanden die Forscher eine um 9 Prozent höhere Gesamtsterberate.

Fördert Feinstaub Entzündungen?

Was bleibt, ist also vor allem die deutlich erhöhte Brustkrebsmortalität von Frauen mit einem lokal begrenzten Tumor, die an Orten mit hoher PM2,5-Belastung leben – hier hängt der Zusammenhang kaum von der Zahl der berücksichtigten Begleitfaktoren ab, und das ist ein Indiz dafür, dass es sich um einen kausalen Effekt handeln könnte. Die Forscher um DuPré vermuten, dass durch Feinstaub ausgelöste Entzündungsprozesse für eine ungünstige Prognose sorgen könnten. Da Frauen mit Stadium-II- und -III-Tumoren insgesamt eine schlechtere Prognose haben, fällt hier der Beitrag des Feinstaubs vielleicht nicht so sehr ins Gewicht.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Starkes Indiz

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