Ärzte Zeitung online, 07.11.2017
 

Überleben nach Krebs

Prostata-Ca – Wie steht es um die Lebensqualität?

Über die Lebensqualität von Männern mit Prostatakrebs ist noch zu wenig bekannt, moniert das Robert Koch-Institut. Dabei leben in Deutschland mindestens eine halbe Million Männer mit dieser Diagnose. Neue Forschungsschwerpunkte könnten weiterhelfen.

Von Marlinde Lehmann

Plädoyer für mehr Forschung zur Lebensqualität Betroffener

Aufklärung zur Prostata und ihrer Funktion: Wichtiger Part in der Betreuung von Patienten mit Prostata-Ca.

© RFBSIP / stock.adobe.com

Mindestens eine halbe Million Männer in Deutschland lebt mit der Diagnose Prostatakrebs, meldet das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Damit sei dieses Malignom auch im Jahr 2014 mit knapp 60.000 neu entdeckten Fällen die am häufigsten diagnostizierte Krebserkrankung bei Männern gewesen.

Prostatakrebs löste als Diagnose den bis Mitte der 1990er Jahre in den Erkrankungsraten führenden Lungenkrebs ab, auch die Raten an Magenkrebs und Darmkrebs hat Prostatakrebs mit der Zeit deutlich überschritten.

Zwischen 1970 und 1990 hatte sich die altersstandardisierte Erkrankungsrate bereits um 30 Prozent erhöht, bis 2003 verdoppelte sich diese dann noch einmal, wie das RKI berichtet. Seitdem seien die Zahlen nicht mehr gestiegen; sie seien in den letzten Jahren sogar deutlich rückläufig.

Übergewicht ist wohl ein Risikofaktor

Als einen Grund für die Entwicklung der Neuerkrankungszahlen nennt das RKI die steigende Lebenserwartung und das mit dem Alter zunehmende Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Bei einer wachsenden Zahl älterer Männer nimmt entsprechend die Zahl der Neuerkrankungen zu.

Genetische Faktoren und Lebensstil seien für den Verlauf der Erkrankungsraten in Deutschland vermutlich von geringerer Bedeutung – auch wenn Übergewicht und Bewegungsarmut das Erkrankungsrisiko wahrscheinlich erhöhen, so das RKI.

So ist zum Beispiel über den möglichen Zusammenhang von Übergewicht, den dabei beobachteten veränderten Serumspiegeln vieler Hormone, einschließlich Testosteron, Östrogen, Insulin, "insulin-like growth factor-" (IGF-) 1 und Adipozytokine (etwa Leptin, Adiponektin), sowie Entstehung und Progression des Prostatakarzinoms diskutiert worden.

Unter anderem hatten Forscher bei Männern, die an einem Prostatakarzinom erkranken, höhere Serumleptin- und niedrigere Adiponektinkonzentrationen beobachtet. Die Höhe des Plasmaleptins korrelierte direkt mit dem PSA-Spiegel. Und: Leptin stimulierte in vitro die Proliferation und hemmte die Apoptose der Prostatakarzinomzellen dosis- und zeitabhängig, wobei Androgen-resistente Zellen stärker reagierten (Der Urologe 2012, 51,9: 1253–1260).

Maßgeblich beeinflusst werde der Trend der Prostatakrebs-Neuerkrankungen auch durch den in der Diagnostik häufig eingesetzten PSA-Test, so das RKI. Nach Einführung dieses Tests sei die Häufigkeit der Diagnose Prostatakrebs stark gestiegen, wobei viele dieser Tumoren zu Lebzeiten vermutlich keine Beschwerden verursacht hätten.

Ein mittlerweile zurückhaltender Einsatz des PSA-Tests erkläre wahrscheinlich den aktuellen Rückgang der Inzidenz, so das RKI. Bezüglich des Nutzens und Schadens sei der PSA-Test wissenschaftlich umstritten und in Deutschland keine GKV-Leistung.

Dabei lässt sich beobachten, dass auf Ablehnung jetzt Wohlwollen für PSA-basiertes Screening folgt, wie auch beim diesjährigen der Deutschen Gesellschaft für Urologe (DGU) in Dresden deutlich geworden ist. Nachdem US-amerikanische Fachgesellschaften sich überwiegend gegen ein solches Screening ausgesprochen hatten, wird jetzt umgedacht. Offiziell geben deutsche Urologen noch keine Empfehlung für ein allgemeines PSA-basiertes Prostatakarzinom-Screening ab.

Doch Vertreter der Fachgesellschaft sprechen sich für ein organisiertes und Risiko- adaptiertes Screening aus. Gründe sind ein Umdenken der U.S. Preventive Services Task Force, die den Stellenwert des Screenings gerade wieder hochgestuft hat, vor allem aber neue Daten aus den Studien ERSPC (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer) und PLCO(Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial). In beiden Studien konnte bei einem PSA-Screening eine Mortalitätsreduktion um 25 bis 32 Prozent gemessen werden.

Günstige 10-Jahres-Überlebensraten

Das hohe mittlere Diagnosealter bei Prostatakrebs von 72 Jahren und die günstigen relativen 10-Jahres-Überlebensaussichten von 90 Prozent führen im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen zu einem relativ geringen Anteil krebsbedingter verlorener Lebensjahre.

Im Vergleich dazu verursacht zum Beispiel Lungenkrebs bei Männern neunmal mehr verlorene Lebensjahre. Im Jahr 2014 lebten etwa 270.000 Männer mit einer bis zu fünf Jahre zurückliegenden Diagnose eines bösartigen Tumors der Prostata. Von Prostatakrebs-Diagnosen, die bis zu zehn Jahre zurückliegen, sind eine halbe Million Männer in Deutschland betroffen.

Die Lebensqualität von Männern mit Prostatakrebs sei daher ein wichtiges Thema, über das noch zu wenig bekannt ist, betont das RKI. Bei Überlebenden, deren Erstdiagnose mehr als fünf Jahre zurücklag, habe eine deutsche Studie ergeben, dass die allgemeine Lebensqualität genauso gut ist wie bei der Allgemeinbevölkerung.

Besonders deutliche Unterschiede hätten sich aber bei der Bewertung sozialer Funktionen ergeben: An Prostatakrebs Erkrankte hätten zum Beispiel angegeben, dass das Zusammensein und die Unternehmungen mit anderen durch die Erkrankung erheblich eingeschränkt waren.

Generell sei das Leben mit Krebs – nicht nur für Betroffene mit Prostatakrebs – mit großen Herausforderungen verbunden, erinnert das RKI: Sowohl in der medizinischen Versorgung als auch im privaten Lebensumfeld. Neue Forschungsschwerpunkte hierzu können dazu beitragen, die Verbesserung des Lebens von Menschen mit Krebs weiter ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

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