Ärzte Zeitung online, 05.11.2018

Medulloblastom

Sanfte Therapie bei Hirntumor?

Das Medulloblastom ist der häufigste bösartige Hirntumor bei Kindern. Forscher haben nun eine Erkrankungs-Variante identifiziert, die besonders gute Heilungschancen aufweist.

Sanfte Therapie bei Hirntumor?

Das Gehirn eines Kindes: Die Behandlung von Kindern mit Medulloblastom hat häufig zu einer Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit geführt. Doch damit könnte bald zumindest für bestimmte Patienten Schluss sein.

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BONN. Forscher der Universität Bonn haben zusammen mit Kollegen aus England, Frankreich und Schweden beim Medulloblastom, dem häufigsten malignen Hirntumor bei Kindern, Kinder mit – bei Standardtherapie – fast 100-prozentiger Heilungschance identifiziert. Typisch für sie sind Abweichungen bei der Zahl der Chromosome 7, 8 und 11.

Hier unauffällige Kinder hatten in einer Studie eine Heilungschance von nur 64 Prozent. Jetzt soll geprüft werden, ob bei den chromosomalen Aberrationen eine schonendere Therapie möglich ist.

Das Medulloblastom ist in vielen Fällen heilbar. Zwei Drittel aller Patienten lassen sich heute durch eine Kombination aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie heilen. Allerdings verursacht die Behandlung häufig erhebliche Spätfolgen.

Oft lebenslang kognitive Beeinträchtigungen

„Durch die intensive Therapie wird das sich noch in der Entwicklung befindliche Gehirn oft irreparabel geschädigt“, erklärt Professor Torsten Pietsch vom Institut für Neuropathologie der Universität Bonn laut einer Mitteilung. „Als Spätfolge leiden die überlebenden Patienten oft lebenslang unter der Beeinträchtigung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit.“

Heute weiß man, dass es sich bei dem Medulloblastom um eine Gruppe unterschiedlicher Krebsarten handelt. Schon vor fast 20 Jahren wurde eine seltene knotenförmige Variante entdeckt, die insbesondere Kleinkinder betrifft. Diese Tumoren sprechen meist so gut auf eine medikamentöse Behandlung an, dass keine zusätzliche Strahlentherapie nötig ist.

Inzwischen hat man noch eine Gruppe älterer Kinder identifiziert, die auch eine sehr gute Prognose hat. Auch bei ihr kann die Intensität der Therapie möglicherweise verringert werden. Sie macht etwa 10 Prozent aller Erkrankten aus.

„Beim großen Rest – immerhin mehr als 80 Prozent – war es bisher dagegen nicht möglich, das Ansprechen auf die Therapie vorherzusagen“, sagt Pietsch. „Daher sind in diesen Fällen eine intensive Bestrahlung und Chemotherapie nach dem aktuellen Forschungsstand unverzichtbar.“

Gute Heilungschancen bei bestimmter Erkrankungs-Variante

Möglicherweise ändert sich das aber in Zukunft: Die an der Studie beteiligten Forscher haben eine neue Erkrankungs-Variante identifiziert, die besonders gute Heilungschancen aufweist. Dazu hatten sie die Tumoren von Teilnehmern einer europaweiten Medulloblastom-Behandlungsstudie untersucht (Lancet Oncology 2018; online 1. November).

„Wir haben in einem Teil der Tumoren charakteristische Veränderungen in der Anzahl der Chromosomen gefunden“, wird Dr. Tobias Goschzik vom Institut für Neuropathologie in der Mitteilung der Uni Bonn zitiert.

Menschliche Zellen enthalten normalerweise 23 Chromosomen, und zwar jedes von ihnen doppelt. Zusammen enthalten sie die komplette Erbinformation. In den Tumorzellen lag eines von ihnen – das Chromosom 7 – häufig gleich dreifach vor. Von zwei anderen – den Chromosomen 8 und 11 – gab es dagegen oft nur eine Version.

Das Interessante daran: Erkrankte mit diesen chromosomalen Auffälligkeiten ließen sich mit Hilfe der Standardtherapie zu fast 100 Prozent heilen. Bei den restlichen Betroffenen lag die Heilungschance dagegen nur bei 64 Prozent.

„Möglicherweise bedeutet das, dass man Patienten mit diesem Typus eines Medulloblastoms weniger aggressiv therapieren kann“, hofft Pietsch. „Ob das stimmt, muss sich allerdings zunächst noch in Behandlungs-Studien zeigen.“

136 Kinder wurden untersucht

In der Studie konnten die Tumoren von insgesamt 136 Kindern und Jugendlichen untersucht werden. Ausgeschlossen waren Betroffene, die an einer besonders aggressiven Form der Erkrankung litten.

„Wenn wir unsere Zahlen auf alle Patienten hochrechnen, gehen wir davon aus, dass rund 20 Prozent unter der von uns identifizierten Variante leiden“, sagt Pietsch.

Die Ergebnisse wurden inzwischen mit einer zweiten Patientengruppe aus dem englischen Newcastle verifiziert.

In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler nun untersuchen, warum Tumoren mit einer veränderten Chromosomenzahl so viel besser auf die Therapie ansprechen. Langfristig könnten daraus auch neue zielgerichtete Behandlungsmöglichkeiten erwachsen. (eb)

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