Ärzte Zeitung, 20.03.2008

Darmzentren stoßen auf wenig Interesse

Neue Versorgungsprojekte der Barmer laufen langsam an / Bislang haben sich vier Netze zusammengeschlossen

KÖLN (iss). Bei ihrem Versuch, die Betreuung von Versicherten mit Darmkrebs in sektorübergreifenden Darmzentren zu verbessern, braucht die Barmer Ersatzkasse einen langen Atem. Rund zwei Jahre nach Abschluss eines Vertrages zur integrierten Versorgung haben sich gerade einmal vier Versorgungsnetze zusammengeschlossen, die nach den Bedingungen des Vertrags arbeiten.

 Darmzentren stoßen auf wenig Interesse

Ärztin am PC: Die Dokumentation mit der elektronischen Patientenakte ist Teil der vernetzten Arbeit in den Darmzentren.

Foto: imago.

Grund zur Resignation sieht Karsten Menn, Geschäftsbereichsleiter Leistung und Vertrag bei der Barmer Nordrhein, dennoch nicht. "Der Vertrag beginnt zu laufen, wir halten an dem Konzept fest", sagt Menn der "Ärzte Zeitung".

Die Barmer hat Anfang 2006 einen Integrationsvertrag mit dem Westdeutschen Darm-Centrum (WDC) unterzeichnet. Das WDC ist aus dem Westdeutschen Brust-Centrum hervorgegangen und versteht sich als Kompetenzzentrum, Patienten werden dort nicht versorgt.

Das WDC ist die Management-Gesellschaft für den Vertrag. Er regelt die Zusammenarbeit von Kliniken mit besonders qualifizierten Niedergelassenen auf Basis der S3-Leitlinie zur Behandlung von Patienten mit kolorektalen Karzinomen. Der Vereinbarung liegen 13 Qualitäts-Kriterien für die Versorgungsnetze zugrunde - sie entsprechen den Kriterien, nach denen die Deutsche Krebsgesellschaft Darmzentren zertifiziert. Den ursprünglichen Plan, die Hausärzte über ihren Hausarztvertrag in das Konzept einzubinden, hat die Barmer angesichts der juristischen Auseinandersetzungen über den Vertrag nicht weiter verfolgt.

Sektorenübergreifende Dokumentation per PC

Ein zentrales Element der Zusammenarbeit in den Darmzentren ist die sektorübergreifende Dokumentation mit der elektronischen Patientenakte. Das WDC überprüft die dort gesammelten Daten regelmäßig und spiegelt den Versorgungsnetzen die individuellen Behandlungsergebnisse ebenso wider wie ein Benchmarking zu den anderen Zentren.

Das Benchmarking mit Kollegen ist für manche Kliniken und Niedergelassene offensichtlich ein Problem, berichtet Menn. "Der Nachweis der Qualität und der direkte Vergleich sind eine Hemmschwelle." Auch gestalte sich die Kooperation zwischen Krankenhäusern und Niedergelassenen an vielen Stellen schwierig. Viele Mediziner hätten offenbar immer noch die Sorge, Patienten oder Kompetenzen zu verlieren.

Bislang beteiligten sich Darmzentren in Leverkusen/Langenfeld, Bochum/Castrop-Rauxel und Bremen an dem Vertrag. In Essen ist am 12. März der offizielle Startschuss für eine weitere Kooperation gefallen. "An den Versorgungsnetzen nehmen zwei bis zehn Niedergelassene teil", sagt Menn. Bislang sind weniger als 100 Versicherte eingeschrieben.

Über den Vertrag mit dem WDC hinaus bietet die Barmer Versicherten mit Darmkrebs ein weiteres integriertes Versorgungsmodell. Es ist Teil des Vertrages mit dem Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) an der Kölner Universitätsklinik.

Zentren setzen auf Kooperation mit Niedergelassenen

Das "Dickdarmzentrum Köln" verfolgt den selben therapeutischen Ansatz und setzt auf die Kooperation des CIO mit niedergelassenen Gastroenterologen und Onkologen.

Doch auch dieses Konzept kommt nur schleppend in Gang. Der Grund: Viele Niedergelassene sehen die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums durch die Universitätsklinik und den damit verbundenen Kauf von Vertragsarztsitzen durch die Klinik als Affront, das Interesse an einer Kooperation mit dem Haus ist daher gering.

Ein Hindernis für eine breitere Umsetzung des Vertrags zum Dickdarmzentrum sei auch die - beim Vertrag mit dem CIO generell greifende - Beschränkung auf Patienten mit onkologischen Neuerkrankungen, berichtet Menn.

"Wir sind dabei, den Vertrag auf Patienten auszuweiten, bei denen die Behandlung bereits begonnen hat", kündigt er an.

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