Ärzte Zeitung, 10.02.2005

Hirnforscher und die Vermessung des freien Willens

Neurobiologie ist für manche Forscher die neue Leitdisziplin für die Selbstbeschreibung des Menschen / Drei Denkansätze prägen die Debatte

FRANKFURT/MAIN. Mein fester Wille - ein pure Illusion? Die Erkenntnisse moderner Hirnforscher haben eine Debatte entzündet, die mittlerweile Züge eines Kulturkampfs trägt. Neurowissenschaftler machen sich daran, ihr Fach zur neuen Leitdisziplin in den Humanwissenschaften zu erklären. Die akademische Philosophie, bislang alleine zuständig für Fragen der Ethik und Erkenntnistheorie, sieht sich frontal angegriffen. Vor kurzem luden Philosophen Hirnforscher bei einem Symposium in Frankfurt zum Kräftemessen ein.

Messung von Hirnströmen: Freiheit ist die Freiheit, auch anders zu können. Ist dieser Glaube nur ein Hirngespinst? Foto: dpa

Von Florian Staeck

 
 
"Indem wir empfinden, daß wir Wünsche haben, schreiben wir ihnen einen Willen zu."
 
Professor Gerhard Roth
Hirnforscher und Neurophysiologe
   

"Wird Ethik durch Hirnphysiologie überflüssig?" - was Philosophen im Kongreßtitel noch mit einem Fragezeichen versahen, ist aus Sicht einiger prominenter Hirnforscher längst erwiesen: Ihrer Meinung nach - so der Psychologe Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München -"tun wir nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun". Als Begründung führen die Forscher hirnphysiologische Experimente an, denenzufolge jeder Handlung ein physiologisch nachweisbarer Prozeß im Gehirn vorausgeht.

Wenn das Ich glaubt, eine Entscheidung zu treffen, ist sie im Gehirn schon längst initiiert worden. Beobachtbar in einem naturwissenschaftlichen Sinne ist unser Gefühl, frei zu sein, nicht.

Frostiges Klima zwischen Hirnforschern und Philosophen

Das "tue unserem überlieferten Selbstverständnis weh", so der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, Professor Wolf Singer. Das ist aus Sicht von Philosophen eine Untertreibung. Denn ist alles Handeln biologisch bedingt, dann bleibt kein Platz für einen "autonomen Raum der Gründe", wie es der Frankfurter Philosoph Dr. Klaus-Jürgen Grün formuliert. Dieser Raum, in dem der Mensch abwägend und sich rechtfertigend versucht, Urteile und Handlungen miteinander in Einklang zu bringen, ist die Basis allen Nachdenkens von Philosophen.

 
 
"Das Ich ist eine soziale Konstruktion, aber deshalb ist es noch keine Illusion."
 
Professor Jürgen Habermas
Philosoph
   

Das Klima zwischen Neurowissenschaftlern und Philosophen ist also frostig: Jüngst wies noch Peter Bieri, in Berlin lehrender Philosoph, die Behauptung, es gebe keine Willensfreiheit, als ein "Stück abenteuerliche Metaphysik" zurück. Der Bremer Hirnforscher Professor Gerhard Roth wiederum nannte die Mehrzahl der Philosophen "Minimal-Naturalisten": Verbal würden sie ein metaphysisches Weltbild ablehnen, zugleich gingen sie davon aus, daß der Mensch nicht vollständig durch seine Natur festgelegt ist. "Wie paßt das zusammen?", fragte Roth.

Grund genug, die drei bestimmenden Denkansätze, die die Debatte über Hirnforschung und Willensfreiheit prägen, zu skizzieren:

  • Determinismus: Einige prominente Neurobiologen vertreten die These, daß alle Leistungen des Gehirns, seien sie kognitiver, perzeptiver, affektiv-emotionaler oder motorischer Art - nach beobachtbaren Naturgesetzen, also determiniert, ablaufen. Dies steht völlig im Kontrast zu unserem Gefühl, subjektiv in unseren Entscheidungen frei zu sein. Dieser Begriff von Handlungsfreiheit, den die Deterministen anzweifeln, hat zwei Komponenten:

    a) Das bewußte Ich ist Träger aller Wünsche, Vorstellungen und Handlungspläne.

    b) Das Ich hätte, wenn es gewollt hätte, auch anders handeln können.

    Dieses Konzept von Willensfreiheit, sagte der Hirnforscher Gerhard Roth in Frankfurt, "widerspricht allen Erkenntnissen der Neurowissenschaftler über Willenshandlungen". Das Ich, so schreibt es Roth in seinem Buch "Denken, Fühlen, Handeln", ist eine Instanz, die ihren Produzenten, das Gehirn, leugnet. Wir sind Weltmeister, wenn es darum geht, rückwirkend unseren Handlungen Intentionen zuzuschreiben.

    Roths Lieblingsbeispiel: Wir kommen vollbepackt aus dem Kaufhaus und könnten bei einer Befragung viele Gründe dafür angeben, warum der Kauf der Dinge angeblich von langer Hand geplant war. "Indem wir empfinden, daß wir Wünsche haben, schreiben wir ihnen einen Willen zu", sagt Roth. Der evolutionäre Zweck des Ichs ist für Roth primär ein Hilfsmittel der Selbstvergewisserung, "ein Werkzeug für das Unbewußte, komplexe Situationen besser zu meistern". Die Thesen von Roth oder Singer radikalisieren das berühmte Diktum Sigmund Freuds, nach der das Ich nicht Herr im eigenen Haus sei. Verfechter des Determinismus ziehen zugleich das humanistische Menschenbild in Zweifel, das wir von uns selbst zeichnen: Danach sind Vernunft und Verstand Grundlage menschlichen Handelns.

    Das Strafrecht basiert auf der Vorstellung von Willensfreiheit

    Die gesellschaftlichen Konsequenzen eines solchen deterministischen Forschungsansatzes sind fundamental und noch nicht annähernd diskutiert. Ein Beispiel: Das Strafrecht basiert auf der Vorstellung von Willensfreiheit - die die Hirnforschung aber in Frage stellt. Die Annahme, der Täter hätte, wenn er willens gewesen wäre, auch anders als moralisch verwerflich handeln können, ist die Grundlage jeder Verurteilung. Roth hingegen plädiert dafür, auf den bisherigen Begriff von Schuld zu verzichten. Was an dessen Stelle treten soll, bleibt unklar.

  • Dualismus: Vertreter des Dualismus halten ungeachtet der jüngsten Experimente der Hirnforscher an der Unterscheidung von Geist und Gehirn fest. Einer der prominentesten Vertreter dieser Denkrichtung ist der Philosoph Jürgen Habermas. Er zeichnet ein nicht-deterministisches Bild der Interaktion von Geist und Gehirn. Zentraler Vorwurf Habermas‘ gegen die Verfechter eines naturwissenschaftlichen Determinismus: Sie erliegen einem Reduktionismus, indem sie das Freiheitsbewußtsein eines Menschen zum - im Gehirn nicht meßbaren - Epiphänomen erklären.

    Dabei verlieren, so Habermas, die Verfechter des Determinismus selbst den Anschluß an die Alltagspsychologie: Auch ein Wissenschaftler wie Wolf Singer, der als Forscher den Glauben an die Freiheit als Irrglauben entlarvt, geht - so erklärte er in einem Interview - nach getaner Arbeit nach Hause und rüffelt seine Kinder, die tagsüber Unsinn getrieben haben.

    Ein Selbstwiderspruch: Nähme er an, seine Kinder seien in ihren Handlungen nicht frei, könnte er sie nicht bestrafen. Für Habermas ist der Mensch einerseits Naturwesen, andererseits ist das "Ich als eine soziale Konstruktion zu verstehen, aber deshalb ist es noch keine Illusion". Damit meint Habermas: "Geist" ist keine Substanz, sondern das Ich versichert sich in der Kommunikation mit anderen Menschen, ob seine eigenen Intentionen und Urteile einer Überprüfung von außen standhalten. "Der Prozeß des Urteilens ermächtigt den Handelnden zum Autor einer Entscheidung", schreibt Habermas.

    Aus neurobiologischer Sicht dagegen spielen Intentionen und Urteile nur "die Rolle nachträglich rationalisierender Kommentare zum unbewußt verursachten und neurologisch erklärbaren Verhalten" - und müssen rätselhaft bleiben, weil sie keine Funktion haben. Dagegen hält Habermas an einem Dualismus von Geist und Gehirn fest, wenn er Handlungsfreiheit erklärt: "Der Handelnde kann sich von einem organischen Substrat, das als Leib erfahren wird, ohne Beeinträchtigung seiner Freiheit ‚bestimmen‘ lassen, weil er seine subjektive Natur als Quelle des Könnens erfährt."

  • Kompatibilismus: Vertreter des Kompatibilismus nehmen eine vermittelnde Position im Streit zwischen Hirnforschern und Philosophen ein. "Das Geistige", sagte der Frankfurter Philosoph Professor Wolfgang Detel, "ist zwar fest in der Natur verankert, doch hat es dennoch autonome kausale Kräfte". Dagegen reduzieren Vertreter des Determinismus den Menschen auf seine physikalischen Aspekte, lautet der Vorwurf von Kompatibilisten.

    Der Mensch ist flugunfähig - kann aber Flugzeuge bauen

    Den Gegenentwurf beschreibt der Münchener Philosoph Thomas Buchheim: "Naturgesetze zwingen nicht, sie beschreiben lediglich, wie sich bestimmte Dinge verhalten." Sein Beispiel: "Anders als Vögel sind Menschen von Natur aus flugunfähig. Der Mensch kann aber Flugzeuge erfinden." Freiheit ist keine physikalische Eigenschaft.

    Menschliche Entscheidungen gründeten in Gedanken, die sich zwar neurobiologisch als elektrische Impulse nachweisen lassen. Doch aus der physikalischen Bedingtheit des Denkens kann nicht auf die Bestimmheit der Gedanken geschlossen werden. Genau das wäre - so Buchheim - ein Kategorienfehler. Ein Beispiel: Niemand käme auf die Idee, die Schönheit eines Gemäldes dadurch zu ergründen, indem er die Farben schichtweise abträgt.

    Freiheit bedeutet: Urteil und Wille zur Deckung zu bringen

    Vermeidet man dieses metaphysische Mißverständnis von Freiheit der Deterministen, dann eröffnet sich ein Denkansatz, den der Philosoph Detel als "weichen Naturalismus" bezeichnet. Dieser erlaubt es den Vertretern des Kompatibilismus, eine "autonome geistige Kraft" in der Welt anzunehmen, "ohne zugleich fordern zu müssen, diese Kraft müsse auch naturgesetzlich wirksam sein".

    Frei handeln wir, so Detel, "wenn unsere Handlungen überwiegend durch gute Gründe bedingt sind". Unfrei dagegen sind wir, wenn unser Urteil und unser Wille auseinanderfallen und wir sie nicht zur Deckung bringen können - zum Beispiel bei einem Süchtigen, der wider besseres Wissen einem Zwang erliegt.

Damit sich Philosophen und Hirnforschern annähern, das zeigte das Frankfurter Symposium, müssen Geisteswissenschaftler kein neues Menschenbild erfinden. Doch sie können (Natur-)Wissenschaftlern helfen, so schreibt es der Philosoph Peter Bieri, uns "im Denken zu orientieren" - um das alte Bild vom Menschen besser zu verstehen.

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