Ärzte Zeitung, 27.05.2005

Gesundheit, die "teuerste Weltreligion aller Zeiten"?

Psychiater halten den Gesundheitswahn für überzogen / Früher fastete man für Gott, heute für die Gesundheit

Hat die Gesundheit für die Menschen unserer Zeit unangemessen große Bedeutung? Der Psychiater und Psychotherapie Dr. Manfred Lütz aus Köln hat jedenfalls den Eindruck, "daß die Leute heutzutage nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern an die Gesundheit. Und alles, was man früher für den lieben Gott tat - Fasten, Wallfahrten und vieles andere mehr -, tut man heute für die Gesundheit."

      Manche leben nicht wirklich, sondern nur vorbeugend.
   

Es gebe Menschen, die lebten gar nicht mehr wirklich, sondern nur noch vorbeugend - um dann gesund zu sterben, sagte der Autor des Buches "Lebenslust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitneß-Kult" (Pattloch-Verlag, 2002) in einem Interview mit der Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim). "Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot."

Die Medien begleiteten mit Gesundheitsseiten und TV-Magazinen den Rummel. Natürlich sei es sinnvoll, sich um die Gesundheit zu kümmern, sagte er. Lütz macht jedoch einen "monströsen Kult der Gesundheitsreligion" aus, spricht gar von "der mächtigsten und teuersten Weltreligion aller Zeiten". Dabei ist Lütz der Auffassung, daß sich unwiederholbarer Lebenszeit beraubt, wer den Gesundheitskult praktiziert.

Der Psychiater Professor Klaus Dörner (Hamburg), Autor des Buchs "Die Gesundheitsfalle" (Econ-Verlag 2003, inzwischen Ullstein-Taschenbuch mit dem Titel "Das Gesundheitsdilemma"), rät in einer Stellungnahme zum Thema zweierlei: "Einmal sollten wir darauf achten, daß uns immer mindestens ein Gut noch wichtiger ist als Gesundheit. Denn dann kann Gesundheit aus einem Zweck für dieses Gut wieder zum Mittel, zu einem Lebens-Mittel werden - mehr will sie nämlich nicht sein. "

Zum anderen seien wir anstelle des Irrglaubens an die Herstellbarkeit von Gesundheit gut beraten, lieber der Formel des Philosophen Hans-Georg Gadamer zu folgen, wonach Gesundheit das selbstvergessene Weggegebensein an die Vollzüge des eigenen Lebens ist. Es komme also darauf an, daß wir nicht über-, aber auch nicht unterlastet, sondern optimal ausgelastet sind, sagt Dörner.

Er konstatiert eine permanente Entlastung infolge des Fortschritts, wodurch die meisten Menschen in eine nun wieder krankmachende Unterlastung rutschten. "Auf der körperlichen Ebene fördert die muskuläre Unterlastung inzwischen die meisten Zivilisationskrankheiten, wogegen wir - ziemlich vergeblich - eine künstliche Wiederbelastungsindustrie erfunden haben." Dasselbe gelte auch auf der psychosozialen Ebene. Auch hier brauche jeder Mensch sein optimales Tagesquantum von "Bedeutung für Andere": "Weil wir aber die meisten Gelegenheiten, anderen in Krankheit und Not zu helfen, an die Gesundheits- und Sozialprofis abgetreten, uns davon entlastet haben, rutschen immer mehr von uns in eine psychosoziale Unterlastung, was zu der endlosen Steigerung psychischer Störungen führt." (dpa)

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