Neuroprothesen rücken langsam, aber unaufhaltsam näher

BERLIN (mut). Mit Geräten, die Hirnsignale erfassen und interpretieren, könnten Tetraplegiker eines Tages in der Lage sein, sich selbstständig zu bewegen. Noch steckt die Entwicklung in den Kinderschuhen. Aber mit der Kraft der Gedanken lassen sich bereits E-Mails öffnen und einfache Geräte bedienen. Auch Schlaganfall-Patienten könnten von Hirn-Computer-Schnittstellen profitieren.

Veröffentlicht:

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg - man muss den Willen nur aus den Hirnströmen ablesen, richtig interpretieren und entsprechend umsetzen. Nach diesem Prinzip ließe sich Menschen mit Lähmungen helfen, die Teile ihres Körpers nicht mehr bewegen können. Allein mit ihren Gedanken könnten sie gezielt Bewegungshilfen steuern. Noch ist der Weg zu solchen Neuroprothesen jedoch sehr schwierig: Nur einfache Aufgaben lassen sich derzeit mit abgeleiteten Hirnsignalen bewältigen, und die Forscher sind sich noch uneinig, welche Methode den meisten Erfolg verspricht. Einige der Methoden wurden jetzt auf dem Neurologen-Kongress in Berlin vorgestellt.

So lässt sich schon mit einer simplen EEG-Ableitung eine Hirn-Computer-Schnittstelle (englisch: Brain Computer Interface, BCI) herstellen. Und zwar, indem ein Computer die Hirnaktivität auswertet und sie den Patienten in einem einfachen Modell darstellt. So kann die Aktivität in einem bestimmten Hirnbereich auf einem Monitor etwa als Position eines Balkens erscheinen. Die Patienten können dann versuchen, die Hirnaktivität zu verändern, sodass sich der Balken bewegt. Dazu müssen sie jedoch in der Regel einige Zeit trainieren. Letztlich können sie dann aber über eine geeignete Software mit ihren Hirnströmen Ja/Nein Entscheidungen treffen und - wenn auch nur sehr mühsam - Briefe schreiben.

Per EEG lassen sich jedoch nur Signale von der Oberfläche ableiten, auch sind die Übertragungsraten bislang zu gering, um komplexere Prozesse zu steuern. Forscher experimentieren inzwischen mit Magnetenzephalografie (MEG) und funktioneller Magnettomografie (fMRI), hat Dr. Friedhelm Hummel vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf berichtet. Damit lassen sich dreidimensionale Aktivitätsmuster erzeugen, die im Falle der fMRI auch noch genau räumlich lokalisiert sind. Mithilfe einer fMRI-basierten Gehirn-Computer-Schnittstelle gelang es Schlaganfall-Patienten in ersten Untersuchungen, die Aktivität ganz gezielt in bestimmten Hirnarealen zu verändern, so Hummel. Damit lassen sich bei ihnen möglicherweise Hirnareale aktivieren, die eine bessere Rehabilitation ermöglichen.

Ein Schritt hin zu Neuroprothese ist der Arbeitsgruppe um Professor Niels Bierbaumer von der Uni Tübingen gelungen. Sie konnten Patienten per MEG so trainieren, dass sie mithilfe ihrer Hirnsignale Finger einer künstlichen Hand öffnen und schließen konnten.

Die Verfahren haben jedoch alle einen Nachteil: Die Ableitung von Hirnsignalen von außen mit EEG, MEG und erst recht mit fMRI ist sehr aufwändig und für die Steuerung von Alltagsaktivitäten kaum praktikabel. Besser wäre, man leitet ohne großen Geräteaufwand direkt aus dem Gehirn ab. Ein solches invasives Verfahren wurde vor kurzem in den USA getestet, sagte Hummel. Ein junger Patient - durch eine Messerverletzung ab C3 gelähmt - erhielt eine Elektrode in den Bereich des motorischen Kortex verpflanzt. Damit kann er inzwischen einen Computer-Cursor steuern, E-Mails lesen und seine Zeit mit einfachen PC-Spielen vertreiben.

Weitere Infos zum Neurologie-Kongress im Internet: www.dgn2007.de

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim

Interview

Was eine gute Reha beim Post-COVID-Syndrom ausmacht

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

© Vink Fan / stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Pro & Contra

Was bringt die Messung von Lipoprotein(a)?

Lesetipps
Digitale Integration: In der elektronischen Patientenakte sollen sämtliche Befunde, Verordnungen und Behandlungsstationen eines Patienten gespeichert werden. Den mündigen Umgang damit, müssen viele erst noch lernen.

© Andrea Gaitanides / stock.adobe.com

Datenschutz im Praxisalltag

ePA 2026: Schutzlücken bleiben – wie sie im Alltag umschifft werden können

Ein Arzt tröstet eine Patientin.

© Anastasiya / stock.adobe.com

Kollegialer Rat

Empfehlungen für das Überbringen schlechter Nachrichten