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HINTERGRUND

Posttraumatische Belastungsstörungen passen nicht ins Bild vom harten Soldaten

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Unter Spannung: Soldat auf Patrouille im afghanischen Kundus.

Unter Spannung: Soldat auf Patrouille im afghanischen Kundus.

© Foto: dpa

"Es ist schwer, seiner Einheit zu vermitteln, dass es einem sehr schlecht geht, auch wenn man wie das blühende Leben aussieht", sagt Hauptfeldwebel David H. Der 30-Jährige hat sich entschlossen, über eine Krankheit zu reden, die innerhalb von Kasernen meist totgeschwiegen wird. Seit seinem Einsatz als KFOR-Soldat im Kosovo, bei dem er in Notwehr zwei Angreifer erschossen hat, leidet der Gebirgsjäger an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus unterzieht er sich einer Therapie.

Nach Angaben der Bundeswehr sind zwischen 1996 und 2006 insgesamt 671 der im Ausland eingesetzten deutschen Soldaten wegen einer PTBS ambulant oder stationär behandelt worden. Das entspricht weniger als einem Prozent der etwa 7600 Soldaten, die in dieser Zeit im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina oder in Afghanistan zur Erhaltung des Friedens beigetragen haben.

FDP und Linke fordern mehr Betreuungsplätze

Die meisten von ihnen, jährlich etwa 100, werden im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus betreut. Hier stehen in der Abteilung Psychiatrie derzeit 33 Betten für jene Soldaten zur Verfügung, die unter PTBS oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Hinzu kommen 27 Betreuungsplätze im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, 25 im Bundeswehrkrankenhaus Ulm und 30 im Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Mit PTBS bei deutschen Soldaten nach ihrer Rückkehr von einem Auslandseinsatz befasst sich inzwischen auch die Politik. Dem Bundestag liegen zwei Anträge vor, in denen Abgeordnete der Fraktionen von FDP und Die Linke auf eine adäquate Behandlung der betroffenen Bundeswehrsoldaten dringen. In einem ersten Antrag fordert die FDP, in Bundeswehrkrankenhäusern mehr spezielle Betreuungsplätze zu schaffen und die medizinische Versorgung auf diese Weise "an die Einsatzrealitäten" anzupassen.

Schließlich sei die Zahl der Auslandseinsätze in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und werde weiter steigen. Durch die neuen Herausforderungen seien die Soldaten besonderen Belastungen ausgesetzt. Beispielsweise müssten von den Bundeswehrangehörigen, die in Afghanistan eingesetzt werden, jährlich 200 Soldaten aufgrund des psychischen Drucks (vor allem durch die anhaltende Terrorgefahr) vorzeitig nach Hause geschickt werden.

Die FDP-Fraktion bezweifelt, dass nur ein Prozent der von Auslandseinsätzen zurückkehrenden Bundeswehrsoldaten eine PTBS haben. "Mit zirka vier bis fünf Prozent liegt dieser Wert in den Streitkräfteverbänden anderer Staaten weitaus höher, wie Studien aus den USA, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern belegen", schreiben die Abgeordneten in ihrem Antrag. Daher müsse man von einer hohen Dunkelziffer bei der Bundeswehr ausgehen. Die Bundeswehr hingegen erklärt die niedrige Zahl von PTBS-Erkrankten in ihren Reihen mit der guten psychologischen Vor- und Nachbereitung von Auslandseinsätzen.

Um auf die Furcht Betroffener vor Stigmatisierung einzugehen, regen die FDP-Parlamentarier an, eine anonyme 24-Stunden-Notfall-Hotline einzurichten. Darüber hinaus schlagen sie vor, an einem der Bundeswehrkrankenhäuser ein Kompetenzzentrum für Posttraumatische Belastungsstörungen einzurichten.

Die Fraktion Die Linke schließt sich den Forderungen der FDP-Fraktion nach einem Ausbau der Behandlungsplätze und der Einrichtung einer Hotline zur anonymen Beratung und Betreuung Betroffener an. Sie regt darüber hinaus an, alle Bundeswehrärzte in Psychotraumatologie auszubilden und Bundeswehrsoldaten entsprechend zu schulen, damit diese ihren Kameraden während eines Auslandseinsatzes als Ansprechpartner dienen können. In allen Bundeswehrkrankenhäusern sollte es nach Vorstellungen der Linken ein Psychotraumazentrum zur stationären Behandlung betroffener Soldaten geben. Schließlich, so die Linken, müsse sichergestellt sein, dass innerhalb der ersten vier Wochen nach Einsatzrückkehr Nachbereitungsseminare stattfinden.

Ziel ist es, das Erlebte später wie im Fotoalbum anzuschauen

David H. weiß, dass er noch eine weite Strecke zurücklegen muss, bis ihn die Erinnerung an das Erlebte nicht mehr beherrscht. Nachts liegt er oft wach, sieht jedem Auto nach, das an seinem Schlafzimmerfenster vorbei fährt. Während seiner Therapie hat er schon so manchen Rückschlag hinnehmen müssen, aber aufgeben kommt für ihn nicht infrage. "Ziel ist es, dass ich mir das Erlebte später wie in einem Fotoalbum anschauen kann", sagt der Gebirgsjäger. Im Hamburger Krankenhaus fühlt er sich gut aufgehoben. Was er am meisten bedauert: dass ihn kaum einer seiner Kameraden besucht. Psychische Probleme passen nicht in das Klischee vom abgehärteten Mann und Soldaten, und mit PTBS können viele Kameraden noch immer wenig anfangen. So bleibt noch viel Aufklärungsarbeit.

STICHWORT

Posttraumatische Belastungsstörung

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist laut Definition der Weltgesundheitsorganisation eine "nachhaltige Erregbarkeitsstörung in Form einer krankhaften Unfähigkeit zur Erregungsmodulation". PTBS, 1994 als eigenständige Krankheit in die ICD 10 aufgenommen, kann jeden treffen, der ein existenziell bedrohliches Ereignis erlebt. Dazu zählen Kriegserlebnisse genauso wie Misshandlungen, die Androhung von Gewalt, Unfälle, Katastrophen und Verluste, etwa durch Tod eines nahen Angehörigen. Meist erleben Betroffene Todesangst und grenzenlose Ohnmacht, in deren Folge sie unter Schlafstörungen, Albträumen, Schweißausbrüchen, Atemnot, Konzentrationsstörungen, Depressionen und Panikattacken leiden. Bei manchen Menschen kommt es zu Suizidversuchen. Typisch für eine PTBS sind "Flashbacks", wiederkehrende Bilder, die den Patienten an das Ereignis erinnern. Die Auslöser für einen Flashback können visuell, olfaktorisch, akustisch oder taktil sein. (Smi)

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