Ärzte Zeitung, 18.06.2012

Leseverbot nach Gehirnerschütterung

Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe: Das hilft Jugendlichen nach einer Gehirnerschütterung. Tabu sind Handy, PC und Bücher. Dann erholen sie sich schneller, und zwar selbst dann noch, wenn das Trauma bereits einige Wochen zurückliegt.

Von Elke Oberhofer

Nach Commotio Handy- und PC-Abstinenz

So schwer es auch fällt: Nach Commotio cerebri sollten Jugendliche sogar auf den PC verzichten.

© Ana Blazic/fotolia.com

LAWRENCEVILLE. Nach einer Gehirnerschütterung sollten Teenies mindestens eine Woche auf Handy und PC verzichten und sich körperlich schonen.

Einer US-amerikanischen Studie zufolge nutzen solche Maßnahmen auch dann noch, wenn der Unfall Wochen zurückliegt.

In der retrospektiven Studie von Professor Rosemarie Scolaro Moser und Kollegen aus Lawrenceville/New Jersey besserten sich kognitive Funktionen sowie die Symptome der Gehirnerschütterung bei 49 jungen Sportlern nach ein bis zwei Wochen Ruhe signifikant (The Journal of Pediatrics 2012; online 21. Mai).

Die Teilnehmer waren zwischen 14 und 23 Jahre alt und hatten sich bei Eishockey, Lacrosse, Fußball oder Basketball eine Gehirnerschütterung zugezogen.

Die Ärzte hatten ein Schonprogramm für Körper und Geist verordnet: So waren die Jungen und Mädchen von Schule oder Arbeit sowie vom Training befreit, sie durften nicht lesen, es herrschte Computer- und Handy-Verbot.

Sämtliche anstrengenden Tätigkeiten waren untersagt, ebenso wie Besuche bei Freunden oder Ausflüge. Die Jugendlichen sollten insgesamt viel schlafen oder ruhen.

Gemessen wurde die verbale und visuelle Erinnerung

Als Bewertungsmaßstab wurde der ImPACT-Score herangezogen (Immediate Post-Concussion Assessment and Cognitive Testing). Dieser misst neben Symptomen der Gehirnerschütterung auch verbales und visuelles Erinnerungsvermögen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit.

Für Moser und ihr Team überraschend: Im Hinblick auf die hier erzielten Werte war es unerheblich, ob zwischen Unfall und Beginn der Maßnahmen nur wenige Tage oder mehr als ein Monat vergangen waren.

Einige Jugendliche hatten sich bereits nach zwei Tagen vorgestellt, manche erst nach einem halben Jahr.

Die Forscher bildeten drei Gruppen: eine frühe Gruppe mit 14 Teilnehmern, die sich nach ein bis sieben Tagen vorstellte, eine mittlere Gruppe mit 22 Teilnehmern, die sich nach acht bis 30 Tagen ins Fachzentrum begab und eine späte Gruppe mit 13 Teilnehmern, die sich frühestens nach einem Monat präsentierte.

Die ImPACT-Indices verbesserten sich in allen drei Gruppen in den genannten Kategorien signifikant.

Die Erholung dauert länger als bisher angenommen

Bei mehr als der Hälfte der Patienten reichte eine Woche Ruhe allerdings nicht aus, damit sie wieder voll einsatzfähig wurden. Sie wurden zu einer weiteren Woche Schonung angehalten und profitierten danach ebenfalls signifikant in allen vier kognitiven Kategorien sowie bei den auf die Gehirnerschütterung bezogenen Symptomen.

Inwieweit die Jugendlichen sich tatsächlich an die strengen Maßnahmen gehalten hatten, ließ sich durch die retrospektive Studie nicht exakt nachvollziehen.

Letztere war zudem nicht verblindet, nicht randomisiert und ohne Vergleichsgruppe; die kognitiven Fähigkeiten vor dem Unfall waren nicht erfasst worden und die Studie war mit knapp 50 Teilnehmern eher klein.

All dies sind erhebliche Einschränkungen, die die Aussagekraft schmälern. Aber: Wie Professor Moser und ihre Koautoren betonen, geben die Daten einen wichtigen Hinweis darauf, dass die Erholungsphase nach einer Gehirnerschütterung wohl länger dauert als bisher angenommen.

"Ruhe" zu verschreiben sei also bei länger anhaltenden Symptomen auch noch nach über einem Monat sinnvoll.

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