Ärzte Zeitung online, 28.02.2014

Problem für den Nachwuchs

Alter Vater ist eine psychiatrische Hypothek

Ist der Vater bei der Geburt eines Kindes älter als 45 Jahre, hat es der Nachwuchs später womöglich schwer. Das Risiko für psychiatrische Störungen und schlechte Schulleistungen der Sprösslinge ist in solchen Fällen erhöht.

Alter Vater ist eine psychiatrische Hypothek

Ob er gerade an potenziellen Nachwuchs denkt?

© Getty Images

BLOOMINGTON. Die Gefahr für Kinder alter Väter, psychiatrisch zu erkranken oder in der Schule zu versagen, hat eine amerikanisch-schwedische Arbeitsgruppe um Brian D'Onofrio von der Indiana-University in Bloomington nun genauer beziffert.

Hiernach ist das Autismus-Risiko der Nachkommen von Vätern über 45 im Vergleich zum Risiko von Kindern 20- bis 24-jähriger Väter um den Faktor 3,45 erhöht. Deutlich häufiger sind zudem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (Faktor 13,13), Psychosen (2,07), bipolare Störungen (24,70), Suizidversuche (2,72) und Suchtprobleme (2,44).

Mädchen und Jungen mit Vätern in fortgeschrittenem Alter gehen zudem öfter ohne Abschluss (1,59) und mit weniger als zehn durchlaufenen Klassenstufen von der Schule ab (1,59) (JAMA Psychiatry 2014; online 26. Februar).

"Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese, dass altersassoziierte genetische Mutationen während der Spermatogenese die Morbidität des Nachwuchses in vielerlei Hinsicht beeinflussen", schreiben D'Onofrio und seine Mitarbeiter, ihre Ergebnisse erläuternd.

Genetische Tests hatten die Forscher allerdings gar nicht vorgenommen. Vielmehr bedienten sie sich für ihre Studie der Daten einer ganzen Reihe schwedischer Register: des Geburten-, Multigenerationen-, Migrations-, Todesursachen-, Patienten-, Kriminalitäts-, Schul-, Erziehungs-, Wehrpflichtigen- und Krankenversicherungsregisters.

Mit dem Material war es möglich, knapp 90 Prozent der zwischen 1973 und 2001 geborenen Schweden - insgesamt 2.615.081 Personen - zu erfassen und ihre schulischen und psychiatrischen Karrieren zu verfolgen.

Den Kindern später Väter wurden Geschwister und Cousins als Vergleichspersonen gegenübergestellt. Zudem erfolgte ein Abgleich nach Geschlecht, Geburtsjahr und Position in der Geburtenfolge der Geschwister, um etwaige Einflüsse dieser Parameter auszuschließen.

Im Vergleich zu früheren Studien zu diesem Thema zeichnet die vorliegende Untersuchung ein abweichendes Bild. So war der Einfluss des Vateralters stärker, als es frühere Schätzungen nahegelegt hatten. Das mag seinen Grund im Geschwistervergleich haben.

Faktoren, die sich im allgemeinen Vergleich eher abschwächend auf den negativen Alterseffekt auswirken - wie größere Reife und ausgeprägteres Pflichtgefühl älterer Väter, bessere soziale und kulturelle Voraussetzungen -, lassen sich damit ausblenden.

Und es zeigte sich, dass es eine Art Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Alter des Vaters und Morbidität der Kinder gibt: Die erhöhte Wahrscheinlichkeit, psychiatrisch zu erkranken, beschränkt sich keineswegs auf Kinder besonders betagter Väter, vielmehr lässt sich für die väterlichen Lebensjahre ab 20 ein stetiger Anstieg des Risikos beobachten. (rb)

[28.02.2014, 20:46:43]
Dr. Annette Heckmann 
zum Kommentar: Die Mutter bestimmt das Alter des Vaters
Der vorstehende Kommentar erscheint mir nicht ganz schlüssig. Zitat: „Das heute übliche Spätgebären nach Abschluss der Ausbildung und erfolgtem Berufseinstieg/Abschluss der Fachärztinausbildung definiert auch das Alter des Vaters.“ Dauert die Fachärztinausbildung so viel länger als die Facharztausbildung (eigentlich: -weiterbildung) , so dass ein Arzt mehrere Jahre auf seine studierende Frau „warten“ muss, oder sind Paare gemeint, bei denen der Mann mit 21 Jahren die duale Ausbildung abgeschlossen hat, und für die Familiengründung bereit steht, während seine Partnerin gerade 1/4 bis 1/3 des steinigen Weges zur Fachärztin zurückgelegt hat? Ob es für eine junge Frau unter den heutigen Bedingungen (Unterhaltsrecht) und in Anbetracht der Statistiken zur Nachhaltigkeit von Ehen eine gute Idee ist, die eigene Aus- und Weiterbildung hinauszuschieben, wage ich zu bezweifeln. Die andere Variante, Kinder während des Studiums/der Ausbildung zu erziehen, bedarf großen Engagements und Organisationstalents beider Partner und eines günstigen Umfelds.
Aber eigentlich ist das hier eine Seite der Ärztezeitung und nicht die einer soziologischen Fachzeitschrift. Was wird in dem Überblick eigentlich gesagt? Dass es Hinweise darauf gibt, dass ein fortgeschrittenes Alter des Vaters bei der Geburt des Kindes sich ungünstig auf dessen Risiko für die Entwicklung einer psychischen Störung auswirken könnte. Dem entgegen stand bisher die landläufige Meinung, dass das Alter eines werdenden Vaters keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit der Nachkommen habe. Das gilt sogar für Altersklassen, in denen sich diese Frage bei Frauen gar nicht mehr stellt. Welchen Schluss könnte man nun ziehen? Meine Theorie: Die Natur ist darauf ausgelegt, dass die Partner in etwa gleichaltrig sind, und in einem Alter, in dem sie beide voraussichtlich noch genügend Lebenszeit vor sich haben, bis die Nachkommen selbstständig zurechtkommen. Die Nachkommen dieser Paare haben dann einen evolutionsbiologischen Vorteil (weniger psychische Erkrankungen s. o.). Mein Schluss: „junge Frau heiratet alten Kerl“ ist für die Familienplanung kontraproduktiv. Insofern stimmt zumindest die Überschrift des Kommentars.
Ob ich Kinder oder Enkel habe, ob ich glücklich verheiratet bin und wieviel Geld und Zeit mir für Reisen bleibt, dürfte für andere Leser uninteressant sein.
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[28.02.2014, 10:25:59]
Gerhard Leinz 
Die Mutter bestimmt das Alter des Vaters
Das heute übliche Spätgebären nach Abschluss der Ausbildung und erfolgtem Berufseinstieg/Abschluss der Fachärztinausbildung definiert auch das Alter des Vaters.. Und es definiert, das heute nur selten Großeltern zur Entlastung von Eltern wirksam werden. Ich genieße mein Leben mit meiner Frau, die mit 21 - 25 Kinder bekommen hat. Wir freuen uns beide auf das nächste Enkelkind und haben Zeit und Geld um uns jede Reise zu leisten.. Auch um unseren "Kinder" zu unterstützen nicht nur mit "Babysittertun".

Gerhard Leinz - Kiel  zum Beitrag »

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