Ärzte Zeitung online, 28.02.2017
 

Studien-Teilnehmer gesucht

Jenaer Autismus-Studie läuft weiter

JENA. Forscher der Uni Jena suchen weiterhin Menschen mit autistischer Störung als Studien-Teilnehmer. Ziel der Studie, in der es um Gesichtererkennung, Stimmenwahrnehmung sowie Interaktionstests geht, sei, das Verständnis für die Symptomatik sowie die Ursachen von Autismus zu verbessern und damit Betroffenen zu helfen, teilt die Uni Jena mit. Eingeladen sind Probanden, die eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) haben (Schweregrad 1 bzw. hoch-funktional), und mindestens 18 Jahre alt sind.

Alter, Stimmung, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit – der Blick in das Gesicht eines Menschen liefert vielfältigste Informationen. Selbst uns völlig unbekannte Menschen können wir "mit einen Blick" sozialen Kategorien zuordnen oder mit Menschen, deren Sprache wir nicht verstehen, allein über unser Gesicht kommunizieren. "Grundlage dafür ist die Fähigkeit unseres Gehirns, Gesichter- aber auch Stimmeninformationen während sozialer Interaktionen gleichzeitig und umfassend zu verarbeiten", wird Dr. Dana Schneider von der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der Mitteilung zitiert.

"Bei Menschen, die an einer autistischen Störung leiden, ist diese Fähigkeit der Personenwahrnehmung und damit die soziale Kognition aber beeinträchtigt", erläutert die Psychologin der Forschergruppe "Soziale Potenziale bei Autismus" der Universität Jena.

Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von April 2017 bis April 2018. Insgesamt handelt es sich nach Angabender Uni Jena um zwei Sitzungen, welche zu zwei separaten Terminen abgehalten werden (1. Sitzung circa 5 Stunden; 2. Sitzung circa 6 Stunden). Die Sitzungen finden in Jena im JenTower (Leutragraben 1, 18. OG) statt.

Die Teilnehmer erhalten eine Aufwandsentschädigung von fünf Euro pro Stunde sowie nach Absprache Fahrtkostenrückerstattung. Sofern vorhanden, sollten die Studien-Teilnehmer zum ersten Termin Unterlagen zu ihrer Diagnose mitbringen, heißt es in der Mitteilung. Sämtliche Angaben der Probanden seien freiwillig. Sie würden in pseudonymisierter Form gespeichert und seien nur den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern zugängig. (eb)

Die Sitzungen finden jeweils freitags ab 10 Uhr statt. Interessenten können sich mit einem Wunschtermin vorzugsweise per E-Mail (an franziska.martin@uni-jena.de) oder telefonisch (03641 / 945941) anmelden.

[15.08.2017, 15:32:35]
Dr. Segei Jargin 
Kindesmisshandlung, Autismus und Alkoholmissbrauch: mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen
Die Misshandlungen können in den Familien über mehrere Generationen persistieren. In einigen Bevölkerungsgruppen ist die häusliche Gewalt mehr oder weniger akzeptiert. Die Aufdeckung der Misshandlung hängt unter Umständen vom Opfer ab. Es kann einfach sein, einen sozial ungeschützten Täter, z.B. einen Alkoholiker oder psychisch Erkrankten, bloßzustellen; anderenfalls werden verschiedene Mittel verwendet, um die Aufdeckung zu verhindern: Drohungen, Bestechung, usw. Es sollte auch vermerkt werden, dass die Studien über Kindesmisshandlung überwiegend in entwickelten Ländern durchgeführt wurden, während in weniger fortgeschrittenen Gesellschaften die Misshandlung ohne viel Publizität fortbestehen kann.
Kindesmisshandlung kann langanhaltende Effekte auf die psychische Gesundheit haben: posttraumatische Belastungsstörungen, spätere Drogen- und Alkoholprobleme, Tendenz zum kriminellem oder suizidalen Verhalten usw. [1,2] Hier folgt eine Fallbeschreibung mit einer Diskussion möglicher Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen der Misshandlung, Symptomen einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus-Spektrumstörung (ASS) und dem Alkoholkonsum beim jugendlichen Opfer.
Fallbeschreibung
Bis zum Alter von 3-4 Jahren war die Entwicklung von S. unauffällig. Als er drei Jahre alt wurde, waren seine Eltern im Begriff sich scheiden zu lassen, während S. mit einer Kinderfrau in eine Vorstadt gesandt wurde. Dort verbrachten sie auch zwei nachfolgende Sommer. Eine Kindervernachlässigung ließ sich retrospektiv feststellen. Es gab fast keinen Kontakt mit anderen Kindern. Die Kinderfrau hat Bekanntschaften gefunden; der Junge wurde oft allein im verschlossenen Zimmer gelassen, saß auf einem Divan, was zur körperlichen Entwicklung und der sozialen Kompetenz nicht beigetragen hat. Das Einsperren wird als Form einer seelischen Misshandlung angesehen [2]. Die Kinderfrau hat dem Kind ab und zu süßen verstärkten Wein gegeben, wahrscheinlich um ihn zu beruhigen bzw. in der Nacht nicht gestört zu werden. Der Vater kam einmal unerwartet und roch Alkohol; das hatte keine Folgen. Nach Erinnerungen beteiligter Personen konnte auch eine Kopfverletzung vorgekommen sein. Im Alter von 6 Jahren wurden bei S. Kommunikationsstörungen und eine motorische Ungeschicklichkeit bemerkt. Das Auftreten autistischer Symptome koinzidierte mit dem Mobbing (bullying) des sozial naiven Kindes, als die Anforderungen die eingeschränkten Kapazitäten überstiegen. Die Symptome verschlimmerten sich weiter nach dem Beginn der Misshandlung zu Hause. Zusammengenommen waren die Symptome mit einer ASS vereinbar. Einige Merkmale der ADHS waren ebenfalls vorhanden, wobei die Hyperaktivität vorwiegend in der familiären Umgebung ausgeprägt war. Als S. 7 Jahre alt wurde, hat seine Mutter erneut geheiratet; der neue Partner, der 15 Jahre älter als S. war, begann den letzteren körperlich zu misshandeln. Die Misshandlung erfolgte mittels Schlagen mit der flachen Hand in Gesichts- und Kopfbereich sowie Schlagen mit einem Hosenriemen. Die Misshandlung wurde oft unter dem Vorwand einer Bestrafung oder Erziehung vorgenommen, fand aber auch ohne Grund statt. Der ethnische Faktor spielte dabei offensichtlich eine Rolle: der Täter war jüdischer Abstammung, während S. seine russische ethnische Zugehörigkeit zu betonen pflegte. Die körperliche Misshandlung wurde mit einer Einschüchterung durch Gesten und Mimik kombiniert. In seltenen Fällen beteiligte sich auch die Mutter an der Misshandlung von S., was dem Schema entspricht, dass Mütter ihre Kinder öfter misshandeln, wenn ihre Partner keine Väter der Opfer sind [3]. Abgesehen von einer mitunter irregulären Ernährung kann das folgende Beispiel als Beleg einer Vernachlässigung interpretiert werden. Im Grundschulalter wurde S. wiederholt, ungeachtet schriftlicher Ermahnungen vom Lehrer, zum Turnunterricht in einer unpassenden Kleidung geschickt, so dass seine Genitalien beim Turnen sichtbar waren. Das war eine der unmittelbaren Ursachen von Mobbing in der Schule und auch vom Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung: der Lehrer ließ ihn während des Turnunterrichts auf einer Bank sitzen. S. hat selbst am Mobbing anderer Kinder teilgenommen; seine Rolle kann als bully-victim (Täter-Opfer) bezeichnet werden, was angeblich mit einem höheren Risiko vom Substanzmissbrauch assoziiert ist [4]. Abgesehen vom Trinken bis zu einer Flasche Bier mit einem Mitschüler, hat S. bis zum Alter von 13 Jahren wenig Alkohol getrunken. Zum ersten Mal trank er eine 0,75 l Flasche Portwein mit einem älteren Jungen. Während des anschließenden Schuljahres hat sein Alkoholkonsum bis zu 250 ml Wodka plus Bier oder einer 0,75 l Flasche Portwein in einer Sitzung angestiegen. Eine Gelegenheit, von der häuslichen Gewalt fernzubleiben, wurde von einer Gruppe trinkender Mitschüler geboten, wo ältere Jungen den Kauf und Konsum von Alkohol inspirierten. Im Alter von 22,5 Jahren wurde S. ein Disulfiram-Präparat Esperal implantiert, worauf eine 8-monatige Abstinenzperiode folgte. Im Alter von 35 Jahren hat S. den Alkoholmissbrauch endgültig eingestellt, weil es mit seinen beruflichen Verpflichtungen nicht vereinbar war. Im Laufe der Zeit sind ihm die Antriebe zum Alkoholkonsum klargeworden, und zwar das Überwinden der Kommunikationsbarrieren. Das illustriert den Mechanismus, der zum Alkoholkonsum nicht nur bei den ASS-Patienten beiträgt: durch eine gemeinsame Zecherei Insider zu werden. Dieser Mechanismus wurde ausgebeutet: in den Arbeiter-, Studenten- und Intelligenzija-Gruppen gab es Anstifter, die andere zum übermäßigen Alkoholkonsum manipulierten [5].
Diskussion
Mehrere Studien weisen daraufhin, dass eine Überlappung von ASS und ADHS in vielen betroffenen Kindern vorliegt [6]. Psychosoziale Faktoren können den Verlauf der ASS beeinflussen [7]. Es ist bekannt, dass eine Viktimisierung und eine posttraumatische Belastungsstörung die autistischen Charakterzüge hervorrufen oder verstärken können [8]. Eine Rolle von Hirnschädigungen in der Ätiologie der ASS, bzw. Ähnlichkeit der Symptome nach einem pädiatrischen Schädelhirntrauma und bei der ASS, werden auch diskutiert [9,10].
Nach Meinung des Verfassers ist die Kindesmisshandlung ein unterschätzter ätiologischer Faktor bei ASS. Einige Patienten mit autistischen Symptomen sind wahrscheinlich misshandelte Kinder mit einer ADHS, hyperkinetischen Störung oder ursprünglich Gesunde. Unter den Bedingungen des Mobbings und der häuslichen Gewalt können die ADHS-Symptome wie die Hyperaktivität und Impulsivität regelmäßig bestraft werden. Im Gegenteil kann ein abnormes, mit der ASS mehr oder weniger vereinbares Verhalten bewusst oder unbewusst gezeigt werden, um Mobbing und Trauma zu vermeiden. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung kann bidirektional sein: die autistischen Symptome erhöhen das Mobbing- bzw. Misshandlungsrisiko, während das Mobbing und die häusliche Gewalt das abnorme Verhalten verfestigen und verstärken. Die ASS und ADHS sind mit Störungen der Eltern-Kind-Beziehungen, mütterlicher Stressbelastung und Kindesmisshandlung assoziiert [8,11,12]. Mütter können sich vom Kind überfordert fühlen und geraten selbst in soziale Isolation, indem sie sich das Kind mit in die Öffentlichkeit nicht zu nehmen trauen [13]. Im Hinblick auf die bestimmte neurobiologische Basis der ASS [14,15], sind exogen bedingte Fälle im gewissen Sinne als „Nachahmer“ zu sehen [16], die als solche zu erkennen sind, weil die Patienten eine ursachenorientierte Behandlung brauchen können.
Vor dem Hintergrund einer Störung der sozialen Interaktion kann der Alkoholkonsum bewusst oder unbewusst zum Überwinden der Kommunikationsbarrieren benutzt werden. Außerdem kann ein Misshandlungsopfer mit trinkenden jugendlichen Gruppen herumlungern um der häuslichen Gewalt zu entweichen. Eine frühzeitige Identifizierung, Unterstützung und Behandlung dieser gefährdeten Jugendlichen könnte es verhindern, dass sie in Bezug auf Schule und Berufsausbildung aus den normalen Entwicklungswegen herausfallen [17].
Literatur
1. Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, et al. Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern - Diagnose und Vorgehen. Dtsch Arztebl 2010;107:231-39.
2. Remschmidt H: Misshandlungsfolgen. Seelische Belastungen und Spuren im Gehirn. Dtsch Arztebl 2011;108:285-6.
3. Alexandre GC, Nadanovsky P, Moraes CL, Reichenheim M. The presence of a stepfather and child physical abuse, as reported by a sample of Brazilian mothers in Rio de Janeiro. Child Abuse Negl 2010;34:959-66.
4. Radliff KM, Wheaton JE, Robinson K, Morris J. Illuminating the relationship between bullying and substance use among middle and high school youth. Addict Behav 2012;37:569-72.
5. Jargin SV. Alcohol and alcoholism in Russia: insider’s observations and review of literature. J Addiction Prevention 2016;4(1):6.
6. Stollhoff K. Autismus und ADHS häufig gepaart. Pädiatrie 2011;23:447.
7. Müller T. Lang erwartete Antworten. Pädiatrie 2016;28:57-59.
8. Roberts AL, Koenen KC, Lyall K, et al. Association of autistic traits in adulthood with childhood abuse, interpersonal victimization, and posttraumatic stress. Child Abuse Negl 2015;45:135-42.
9. Remschmidt H, Kamp-Becker I. Das Asperger-Syndrom - eine Autismus-Spektrum-Störung. Dtsch Arztebl 2007;104:A873-82.
10. Singh R, Turner RC, Nguyen L, et al. Pediatric traumatic brain injury and autism: elucidating shared mechanisms. Behav Neurol 2016;2016:8781725.
11. Duan G, Chen J, Zhang W, et al. Physical maltreatment of children with autism in Henan province in China: A cross-sectional study. Child Abuse Negl 2015;8:140-7.
12. Weber-Börgmann I, Burdach S, Barchfeld P, Wurmser H. ADHS und das Ausmass der elterlichen Stressbelastung bei mangelnder Spielfähigkeit im Säuglings- und Kleinkindalter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2014;42:147-55.
13. Frölich J. Möglichkeiten des pädagogischen Umgangs mit hyperkinetischen Kindern mit Störungen des Sozialverhaltens im Alter von 6-12 Jahren. Bonn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, 1993.
14. Bölte S, Feineis-Matthews S, Poustka F. Neuropsychologie des Autismus. Zeitschrift für Neuropsychologie 2001;12:235-45.
15. Freitag CM, Petermann F. Autismus-Spektrum-Störungen. Kindheit und Entwicklung 2014;23:1-4.
16. Jargin SV. Child abuse, autism spectrum disorder and alcohol overconsumption: possible cause-effect relationships. Psychiatr Danub 2017;29:94-95.
17. Purtscher K. Traumatisierung in der Kindheit - Folgen für die Entwicklung. Psychiatr Danub 2008;20:513-20.


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