Ärzte Zeitung online, 11.12.2018

Hintergrund

„Die Psychiatrie muss politischer werden“

Ob digitale Revolution oder zunehmende soziale Isolation: Psychiater sollten aktiver auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, sonst kommen sie unter die Räder, ist Professor Stefan Priebe aus London überzeugt.

Von Thomas Müller

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Ist der menschliche Psychiater ein Auslaufmodell?

© Photographee.eu / Fotolia

LONDON. Werden in wenigen Jahrzehnten virtuelle Psychiater ein Gros der psychisch Kranken versorgen? Jederzeit bereit und erreichbar, immer gut gelaunt, gesteuert von künstlicher Intelligenz und in der Lage, Medikamente mit Drohnen zu versenden oder im Notfall einen Roboter für den Hausbesuch vorbeizuschicken, während menschliche Psychiater vor allem in der Softwareindustrie arbeiten?

„Viele werden jetzt sagen, das ist reichlich übertrieben, menschliche Psychiater braucht man immer“, bemerkte Professor Stefan Priebe von der Queen-Mary-Universität in London beim Psychiatriekongress in Berlin.

„Vor über 100 Jahren kam eine neue Erfindung, die hieß Auto, und die meisten sagten: Pferde wird man trotzdem brauchen, die benötigen kein Benzin und keinen Asphalt, auch sind sie genügsamer und wendiger. Heute habe ich aber keinen mit dem Pferd zum Kongress kommen sehen. So kann man sich täuschen.“

Szenarien für die kommenden Dekaden

Pointiert und humorvoll stellte der Psychiater mögliche Szenarien vor, wie sich die Psychiatrie in den nächsten 30 Jahren wandeln könnte. Da wesentliche Veränderungen in der Vergangenheit stets von gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen bestimmt wurden, werden diese wohl auch in der Zukunft die Psychiatrie prägen.

Allerdings lasse sich schlecht vorhersagen, wohin die Reise geht. Der „virtuelle Psychiater“ ist für Priebe daher auch nur eine von vielen möglichen Möglichkeiten.

Relativ sicher gab sich der Experte vor allem in einem Punkt: Wissenschaftliche Durchbrüche seien in nächster Zukunft nicht zu erwarten. So hätte die Forschung in den vergangenen Dekaden kaum neue Medikamente hervorgebracht – trotz Milliardeninvestitionen.

Als Gründe sieht Priebe einen immer zäher, selbstgefälliger und letztlich innovationsfeindlicher werdenden Wissenschaftsbetrieb, der neue Ideen nicht mehr fördert.

Die dominierenden reduktionistischen Ansätze zu Diagnose und Therapie würden zudem der Komplexität von menschlichem Leben und Leiden nicht gerecht. Von den Neurowissenschaften sei daher in den kommenden Dekaden wenig zu erwarten, was das Leben psychisch Kranker verbessert.

Letztlich, so Priebe, würden die wesentlichen Impulse aus der Gesellschaft kommen, und hier zeigten sich mittlerweile auch Entwicklungen, die noch ganz andere Szenarien als eine virtuelle Psychiatrie plausibel erscheinen lassen.

So könnten Patienten die Psychiatrie schlicht übernehmen. Patientenrechte werden immer weiter ausgebaut, auch die Planung und Leitung psychiatrischer Einrichtungen wird schließlich von Patienten und Patientenvertretern kontrolliert. Selbstverständlich gibt es keine Zwangsbehandlung, die professionellen Helfer folgen im Wesentlichen den Patientenwünschen.

Spaltung der Psychiatrie?

Als weitere Option sieht Priebe eine Spaltung der Psychiatrie: Jede Stimmungsschwankung, jedes Leistungsdefizit wird künftig als Problem der „psychischen Gesundheit“ erfasst, einen Unterschied zwischen angemessenem psychischem Leiden und einer seelischen Störung gibt es dann nicht mehr.

Das führt zu einer Psychiatrie, die sich vor allem um das psychische Wohlergehen und die Leistungsoptimierung Gesunder kümmert, während sich schwer psychisch Kranke im Justiz- und Sozialsystem wiederfinden. Schon jetzt würden Parteien in Großbritannien im Wahlkampf versprechen, „mental health“ in der Bevölkerung zu verbessern.

Psychiater könnten jedoch auch in einer immer stärker zerfallenden Gesellschaft zu den Partnern der Armen und Ausgegrenzten werden. In diesem Szenario kümmern sie sich als Teil eines multidisziplinären Teams primär um chronisch Kranke oder sozial Isolierte, die nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln sind. Schon heute würden die meisten psychisch Kranken von Armut und Isolation geplagt, und dieser Trend werde sich vielleicht noch verschärfen.

Schließlich könnte sich auch eine datengetriebene Psychiatrie etablieren. Schüler erstellen regelmäßig einen Wellbeing-Score, der Arbeitgeber meldet Fehltage und Stimmungsschwankungen, eine künstliche Intelligenz schlägt Alarm, sobald sich eine psychische Störung anbahnt. Psychiater sind dann sofort zur Stelle, sobald – oder am besten noch bevor – die Störung auftritt.

In gesellschaftliche Debatten eingreifen

Damit solche wenig erstrebenswerten Szenarien nicht eintreten, sollten Psychiater ihre Kompetenzen selbstbewusst vertreten und die Zukunft aktiv mitgestalten, statt vor allem Besitzstände wie das Recht zur Psychopharmakaverordnung zu verteidigen und Abwehrkämpfe gegen andere Arzt- und Berufsgruppen zu führen.

Psychiater könnten komplexe Biografien und Situationen verstehen, auch in schwierigen Situationen kommunizieren und handeln sowie die eigene Person als therapeutischen Faktor einbringen.

„Das macht uns einzigartig“, sagte Priebe. Zudem habe die Gesellschaft ein großes Interesse an psychiatrischen und psychologischen Konzepten. „Soziale Isolation, soziale Ungleichheit, Krieg – all das beeinflusst psychische Krankheiten.“

Hier sollte die Psychiatrie in gesellschaftliche Debatten eingreifen. „Wir müssen politischer werden, dann wird man uns wieder hören.“

Priebe bemängelte zudem die Einseitigkeit der Forschung in Deutschland. Ein Großteil der psychiatrischen Lehrstühle drehe sich um Bildgebung und biologische Psychiatrie.

„Warum gibt es nicht mehr Sozialpsychiatrie? Wir brauchen mehr Vielfalt und mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit“, forderte der Psychiater.

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