Ärzte Zeitung, 22.02.2019

Schonungslos im Vorteil

Ein bisschen Sport hilft bei Gehirnerschütterung

Jugendliche mit Commotio-Symptomen einer sportbedingten Gehirnerschütterung werden schneller ihre Beschwerden los, wenn sie sich nicht schonen – sondern körperlich aktiv bleiben. Darauf deutet eine US-Studie hin. Doch es kommt auch auf die Intensität beim Sport an.

Von Thomas Müller

Ein bisschen Sport hilft bei Gehirnerschütterung

Moderates Training nach einer Commotio cerebri ist der Regeneration zuträglicher als Ruhe.

© ArtmannWitte / Fotolia

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Beschleunigt ein aerobes Training schon wenige Tage nach einer Gehirnerschütterung die Erholung?
  • Antwort: In einer Vergleichsstudie waren Jugendliche mit aerobem Training im Schnitt nach 14 Tagen wieder fit, mit Dehnübungen erst nach 17 Tagen.
  • Bedeutung: Ein frühes aerobes Training scheint die Reha eher zu fördern als körperliche Schonung.
  • Einschränkung: Tatsächliche körperliche Aktivität beruht auf subjektiven Angaben.

BUFFALO. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde Athleten nach einer Gehirnerschütterung maximale Ruhe empfohlen – keine anstrengende körperliche und geistige Aktivität bis zum Verschwinden der Symptome. Inzwischen haben Studien belegt, dass körperliches Training unterhalb der Schwelle, an der es Beschwerden im verletzten Gehirn induziert, von Vorteil ist.

So ließen sich mit speziellen Rehaprogrammen Commotiobeschwerden schneller auflösen als durch Nichtstun, allerdings handelte es sich dabei zumeist um Teilnehmer mit einer seit einem Monat oder länger zurückliegenden Gehirnerschütterung.

Ob der Ansatz auch schon kurz nach einer Commotio cerebri geeignet ist, die Beschwerden zu lindern und die Athleten wieder fit zu machen, war bislang jedoch unklar.

Vier Tage schneller beschwerdefrei

Eine aktuelle Studie von Sportmedizinern von der Universität in Buffalo in den USA spricht jedenfalls dafür: Die jugendlichen Athleten waren im Schnitt vier Tage schneller wieder symptomfrei, wenn sie in den ersten zehn Tagen nach der Erschütterung mit einem körperlichem Training begannen statt mit wenig anstrengenden Dehnübungen (JAMA Pediatr 2019; online 4. Februar).

Das Team um Dr. John Leddy konnte 103 Patienten im Alter von 13 bis 17 Jahren mit einer sportbedingten Gehirnerschütterung im Schnitt fünf Tage nach dem Ereignis in die Studie aufnehmen. Allen war in den ersten beiden Tagen nach dem Ereignis strikte Ruhe verordnet worden.

Rund die Hälfte nahm an einem aeroben Training teil, entweder auf einem Fahrradergometer oder Laufband, sie konnten aber auch draußen radeln oder joggen. Zuvor wurde unter Aufsicht die Herzfrequenz ermittelt, unter der die Commotiosymptome auftraten oder sich verstärkten. Dies geschah im Mittel bei einer Pulsfrequenz von 135–140/min.

Die Teilnehmer wurden nun angehalten, mittels Pulsuhr bei 80 Prozent dieser Schwellenwertfrequenz zu trainieren, und zwar 20 Minuten täglich. Traten die Symptome zuvor auf, sollten sie das Training für den jeweiligen Tag beenden. Die Schwellenwerte wurden jede Woche neu angepasst.

In der Kontrollgruppe verordneten die Ärzte den Teilnehmern 20 Minuten täglich Dehnübungen. Diese waren so angelegt, dass sie zu keiner Steigerung der Herzfrequenz führten.

Statisch signifikanter Unterschied

Wie sich ergab, benötigten die Jugendlichen mit aerobem körperlichem Training 13 Tage, die mit Dehnübungen hingegen 17 Tage bis zur kompletten Regeneration. Von einer solchen gingen die Forscher aus, wenn die Teilnehmer bei der neurologischen Untersuchung keine Restsymptome hatten und wieder bis zur Erschöpfung trainieren konnten, ohne dass Commotiobeschwerden auftraten. Der Unterschied war statistisch signifikant.

Nach 30 Tagen beendeten die Forscher das Experiment. Zu diesem Zeitpunkt hatten noch zwei Teilnehmer in der Gruppe mit aerobem Training und sieben in der Kontrollgruppe Restsymptome, dieser Unterschied war jedoch nicht mehr signifikant.

Die Compliance wurde als vergleichbar bewertet – in beiden Gruppen mussten die Teilnehmer ein Übungstagebuch ausfüllen. Hier gab es keine größeren Differenzen bei der notierten Übungsdauer. Unerwünschte Wirkungen wie plötzliche Schwindelanfälle oder Bewusstseinstrübungen wurden bei keinem der Teilnehmer registriert.

Nach Angaben von Leddy und Mitarbeitern ist dies die erste randomisiert-kontrollierte Studie, die belegen konnte, dass ein schwellenwertorientiertes aerobes Training schon kurz nach einer Gehirnerschütterung die Erholung beschleunigen kann.

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