Ärzte Zeitung, 15.12.2006

Neues Antidepressivum bessert rasch den Schlaf, ohne zu sedieren

Mit Agomelatin gibt es weniger Schlafunterbrechungen schon in der ersten Woche

BERLIN (ugr). Depressive Patienten klagen über zum Teil massive Schlafstörungen. Antidepressiva, die schlafanstoßend wirken, führen jedoch oftmals zu ausgeprägter Tagesmüdigkeit und erheblicher Gewichtszunahme. Mit dem neuen Melatonin-Agonist Agomelatin gibt es bald eine neue Therapieoption für Depressive. Die Substanz normalisiert die gestörte Schlafarchitektur, ohne zu sedieren.

Depressive Patienten fühlen sich bei einer Therapie mit Antidepressiva tagsüber müde, einige nehmen auch an Gewicht zu. Foto: DAK

Bei Agomelatin handelt es sich um das erste melatonerge Antidepressivum. Der Melatonin-Agonist reguliert den Schlafrhythmus über die MT1- und MT2-Rezeptoren im Nucleus suprachiasmaticus, dem Sitz der Inneren Uhr. Daten zu dem neuen Mediakament hat jetzt Professor Göran Hajak aus Regensburg beim Psychiatrie-Kongreß in Berlin vorgestellt.

So hätten klinische Studien mit 4 600 Patienten eine ähnlich gute Wirksamkeit wie moderne Antidepressiva ergeben, sagt Hajak auf einer Veranstaltung von Servier. Im Gegensatz zu einigen anderen Antidepressiva sei es jedoch zu keiner signifikanten Gewichtszunahme oder Beeinträchtigungen der Sexualfunktion gekommen.

Die Wirksamkeit der Substanz sei in mehren Studien belegt worden. An einer der Studien nahmen 344 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Depression teil. Sie hatten einen Wert auf der Hamilton-Depressions-Skala (HAM-D) von 25 Punkten. Nach achtwöchiger Behandlung lag der HAM-D-Wert mit Agomelatin durchschnittlich bei 13,1 Punkten, mit Paroxetin bei 14,1 und mit Placebo bei 16,1 Punkten. Der Unterschied zwischen Agomelatin und Placebo war statistisch signifikant.

In einer anderen Studie erhielten über 150 Patienten entweder Agomelatin oder Placebo. Zu Therapiebeginn lag der HAM-D-Wert im Schnitt bei 28 Punkten. Nach sechs Wochen Therapie war er mit Agomelatin auf 14,4 und mit Placebo auf 17,3 Punkte gefallen.

In Studien konnten die Patienten mit Agomelatin-Therapie auch wieder besser einschlafen. Schlafunterbrechungen nahmen schon in der ersten Woche ab und der Tiefschlaf besserte sich, der REM-Schlaf wurde dagegen nicht beeinflußt. In einer Untersuchung bekamen 322 Patienten initial 25 mg/Tag Agomelatin oder 75 mg/Tag Venlafaxin; die Dosis konnte in der Folgezeit verdoppelt werden.

Gegen die Depression waren beide Substanzen ähnlich wirksam, jedoch besserte sich die Schlafqualität mit Agomelatin nicht nur schneller, sie war auch stärker ausgeprägt als bei Venlafaxin, sagte Hajak. Schon nach zwei Wochen Behandlung habe es signifikante Unterschiede zugunsten von Agomelatin gegeben.

Ebenso verhielt es sich bei der Bewertung der Tagesstimmung; mit der neuen Substanz traten deutlich seltener unerwünschte Wirkungen wie Kopfschmerz oder Übelkeit auf. Aussagekräftige Daten, ob die Patienten mit Agomelatin tagsüber tatsächlich munterer waren, liegen derzeit jedoch noch nicht vor. Mit einer Zulassung von Agomelatin für die Behandlung bei Depressionen wird in etwa zwei Jahren gerechnet.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »