Ärzte Zeitung, 07.06.2013
 

Nachahmungseffekt bei Jugendlichen

Suizid führt zu Suizidgedanken

Paris Jackson, die 15-jährige Tochter des "King of Pop", hat am Mittwoch versucht, sich das Leben zu nehmen - kurz bevor sich der Todestag von Michael Jackson zum vierten Mal jährt. Nun wächst wieder die Angst vor Nachahmungstaten.

Von Christine Starostzik

Suizid ist ansteckend

Auswegslose Situation? Nach dem Suizid eines Jugendlichen haben Mitschüler selbst oft Suizidgedanken.

© Getty Imges/iStockphoto

OTTAWA. Inwieweit Suizidversuche wie jetzt der von Paris Jackson, der 15-jährigen Tochter von Michael Jackson, Nachahmer findet, ist offen.

Sichere Daten zur Häufigkeit von Selbsttötungen nach Suizidversuchen im Familien- oder Bekanntenkreis oder nach Suizidversuchen von Prominenten liegen nicht vor.

Anders ist das bei vollzogenen Selbsttötungen. Jugendliche, die mit der Selbsttötung eines Mitschülers oder eines Bekannten konfrontiert werden, sind noch lange nach dem Ereignis verstärkt suizidgefährdet, belegt eine kanadische Studie (CMAJ 2013; online 21. Mai).

Fragebogen ausgewertet

Schon seit Goethes Werther besteht der Verdacht, dass vom Suizid eine gewisse Ansteckungsgefahr ausgeht. Kanadische Forscher überprüften das umstrittene Phänomen jetzt bei Jugendlichen.

Sie nutzten dazu Daten des National Longitudinal Survey of Children and Youth von 8766 12- bis 13-Jährigen, 7802 14- bis 15-Jährigen und 5496 16-17-Jährigen.

Es wurden Fragebögen ausgewertet, in denen die Jugendlichen sowie ein Elternteil Angaben zu Suiziden im Umfeld sowie zu eignen Selbstmordgedanken und -versuchen machten.

Darüber hinaus berichteten die Jugendlichen unter anderem über Alkohol- und Drogenkonsum sowie einschneidende Ereignisse in ihrem Leben.

Fast jeder vierte 16- bis 17-Jährige war bereits mit dem Suizid eines Mitschülers konfrontiert worden und jeder Fünfte in dieser Altersgruppe kannte jemanden persönlich, der sich das Leben genommen hatte.

Suizidgedanken bei Mitschülern

Suizid führt zu Suizidgedanken

Paris Jackson sorgte mit ihrem Suizidversuch für Aufsehen.

© Michael Nelson / epa / dpa

Die Querschnittanalyse ergab: Die Selbsttötung eines Mitschülers heizte Gedanken an einen eigenen Suizid an und zwar umso mehr, je jünger die Schüler waren und je kürzer das Ereignis zurücklag.

Unter den 12- bis 13-Jährigen hatten nach der Selbsttötung eines Mitschülers im vorausgegangenen Jahr 6,5-mal so viele Kinder Suizidgedanken wie Gleichaltrige ohne ein solches Erlebnis. Die Zahl der Suizidversuche in dieser Gruppe lag sechsmal höher.

Auch ein Jahr nach dem Ereignis war diese Quote noch fünffach erhöht. Bei den 16- bis 17-Jährigen hatten im Vergleich zu Unbeteiligten etwa doppelt so viele Suizidgedanken.

Die Zahl der Selbsttötungsversuche sank gegenüber den Kontrollen innerhalb der ersten zwei Jahre vom 3,2-Fachen auf das Doppelte.

Ob die Jugendlichen das Suizidopfer persönlich kannten oder ob es sich bei dem zu Tode Gekommenen um einen fremden Mitschüler handelte, über dessen Suizid berichtet wurde, hatte offenbar keinen Einfluss auf die Stärke des Nachahmungseffekts.

In der Gruppe der jüngsten Schüler waren Suizidgedanken oder -versuche nach der Selbsttötung einer Person aus dem Bekanntenkreis im Vergleich sogar etwas niedriger als nach dem Tod eines Mitschülers.

Dass ein solches Ereignis länger als zwei Jahre bei den Zurückgebliebenen nachwirkt, ergab die prospektive Analyse.

Spielt das ähnliche Alter eine Rolle?

Zwar war in den Köpfen der Jugendlichen etwas Beruhigung eingetreten, doch der Nachahmungseffekt war nach wie vor lebendig, und zwar am stärksten bei den 14- bis 15-Jährigen, die einen Mitschüler verloren hatten.

Im Vergleich zu Unbeteiligten war in dieser Gruppe die Zahl der Suizide auch zwei Jahre nach dem Ereignis noch rund 2,7 mal höher.

Das größte Nachahmungspotenzial hat der Studie zufolge offenbar der Freitod eines Mitschülers, auch wenn die Jugendlichen diesen gar nicht persönlich kannten.

Die Autoren vermuten, dass hier das ähnliche Alter eine Rolle spielt. Dies sei ein wichtiger Punkt für effektive Interventionen.

Nicht die, die dem Suizidopfer am nächsten stünden, seien am stärksten selbst gefährdet, vielmehr müssten alle Mitschüler nach einem solchen Ereignis in präventive Maßnahmen einbezogen werden.

Nach dem aktuellen Suizidversuch von Paris Jackson ist jetzt wieder verstärkte Wachsamkeit gegenüber den Jugendlichen gefragt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Werther versus Papageno

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