Ärzte Zeitung online, 17.05.2017

Niederländische Studie

Depression im Alter oft mit Polypharmazie verbunden

Ältere Hausarztpatienten mit Depression haben häufig somatische Begleiterkrankungen. Die hohe Zahl von Arzneimittelverordnungen lässt sich damit jedoch nicht vollständig erklären.

Von Beate Schumacher

Depression im Alter oft mit Polypharmazie verbunden

Polypharmazie: Ärzte fordern dazu auf, Medikationspläne von depressiven älteren Patienten kritisch zu prüfen.

© Özgür Donmaz / iStock / Thinkstock

GRONINGEN. Ärzte der Universität Groningen haben bei älteren Patienten einen Zusammenhang zwischen Depression und Polypharmazierisiko festgestellt. Ihrer Untersuchung zufolge übertrifft im Fall einer Depression die Zahl der Medikamentenverordnungen das Ausmaß an Komorbiditäten. Sie fordern daher dazu auf, die Medikationspläne von depressiven älteren Patienten kritisch zu prüfen, um unnötige iatrogene Gefährdungen zu vermeiden.

Für die Studie wurden Daten von 4477 Niederländern über 60 ausgewertet, die sich 2012 in primärärztlicher Versorgung befanden (Family Practice 2017, online 23. März). 1512 Patienten hatten eine diagnostizierte Depression, bei 1457 war eine andere psychische Erkrankung dokumentiert und 1508 Kontrollpatienten galten als psychisch gesund. Unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status litten Patienten mit einer Depression bzw. einer anderen psychischen Erkrankung um 16 bzw. um 12 Prozent häufiger an chronischen körperlichen Erkrankungen als die Kontrollpatienten. Das Risiko für Multimorbidität, also die Koexistenz von mindestens zwei chronischen Erkrankungen, war um 55 bzw. 34 Prozent erhöht.

Doch selbst nach dem Abgleich der Komorbiditäten erhielten depressiv bzw. anderweitig psychisch Erkrankte signifikant häufiger medikamentöse Dauertherapien als die Kontrollpatienten, und zwar um 46 bzw. 16 Prozent. Die Patienten mit Depression lagen damit sogar noch klar vor den Patienten mit anderen psychologischen Diagnosen. Daran änderte sich nur wenig, wenn Antidepressiva von der Analyse ausgenommen wurden – mit einem Plus bei den Dauertherapien von 24 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe und von 10 Prozent gegenüber Patienten mit sonstigen psychischen Leiden.

Dementsprechend bestand bei depressiven Älteren auch deutlich häufiger eine Polypharmazie: Das Risiko, mit mindestens fünf Medikamenten gleichzeitig behandelt zu werden, war fast dreimal so hoch wie in der Kontrollgruppe und um 65 Prozent höher als bei anderen psychischen Erkrankungen. Die Unterschiede blieben auch dann signifikant, wenn die antidepressive Therapie selbst nicht mitgezählt wurde. Die Wahrscheinlichkeit einer Polypharmazie war dann immer noch doppelt so hoch wie ohne bzw. um 25 Prozent höher als mit einer anderen psychischen Erkrankung.

Als besonders problematisch erachten die Autoren um Floor Holvast die häufige Verordnung von Wirkstoffen mit anticholinergen und sedierenden Eigenschaften, die sie mithilfe des Drug Burden Index (DBI) erfasst haben. "Anticholinerg und sedierend wirkende Medikamente können körperliche Funktionen, Alltagsaktivitäten und Kognition beeinträchtigen." Den höchsten DBI hatten Patienten mit Depressionen, und zwar auch dann, wenn die antidepressive Medikation außen vor gelassen wurde.

46% höher war die Rate medikamentöser Dauertherapien bei depressiven Senioren verglichen mit psychisch gesunden Kontrollpatienten nach Abgleich der Komorbiditäten.

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