Direkt zum Inhaltsbereich

Niederländische Studie

Depression im Alter oft mit Polypharmazie verbunden

Ältere Hausarztpatienten mit Depression haben häufig somatische Begleiterkrankungen. Die hohe Zahl von Arzneimittelverordnungen lässt sich damit jedoch nicht vollständig erklären.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Polypharmazie: Ärzte fordern dazu auf, Medikationspläne von depressiven älteren Patienten kritisch zu prüfen.

Polypharmazie: Ärzte fordern dazu auf, Medikationspläne von depressiven älteren Patienten kritisch zu prüfen.

© Özgür Donmaz / iStock / Thinkstock

GRONINGEN. Ärzte der Universität Groningen haben bei älteren Patienten einen Zusammenhang zwischen Depression und Polypharmazierisiko festgestellt. Ihrer Untersuchung zufolge übertrifft im Fall einer Depression die Zahl der Medikamentenverordnungen das Ausmaß an Komorbiditäten. Sie fordern daher dazu auf, die Medikationspläne von depressiven älteren Patienten kritisch zu prüfen, um unnötige iatrogene Gefährdungen zu vermeiden.

Für die Studie wurden Daten von 4477 Niederländern über 60 ausgewertet, die sich 2012 in primärärztlicher Versorgung befanden (Family Practice 2017, online 23. März). 1512 Patienten hatten eine diagnostizierte Depression, bei 1457 war eine andere psychische Erkrankung dokumentiert und 1508 Kontrollpatienten galten als psychisch gesund. Unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status litten Patienten mit einer Depression bzw. einer anderen psychischen Erkrankung um 16 bzw. um 12 Prozent häufiger an chronischen körperlichen Erkrankungen als die Kontrollpatienten. Das Risiko für Multimorbidität, also die Koexistenz von mindestens zwei chronischen Erkrankungen, war um 55 bzw. 34 Prozent erhöht.

Doch selbst nach dem Abgleich der Komorbiditäten erhielten depressiv bzw. anderweitig psychisch Erkrankte signifikant häufiger medikamentöse Dauertherapien als die Kontrollpatienten, und zwar um 46 bzw. 16 Prozent. Die Patienten mit Depression lagen damit sogar noch klar vor den Patienten mit anderen psychologischen Diagnosen. Daran änderte sich nur wenig, wenn Antidepressiva von der Analyse ausgenommen wurden – mit einem Plus bei den Dauertherapien von 24 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe und von 10 Prozent gegenüber Patienten mit sonstigen psychischen Leiden.

Dementsprechend bestand bei depressiven Älteren auch deutlich häufiger eine Polypharmazie: Das Risiko, mit mindestens fünf Medikamenten gleichzeitig behandelt zu werden, war fast dreimal so hoch wie in der Kontrollgruppe und um 65 Prozent höher als bei anderen psychischen Erkrankungen. Die Unterschiede blieben auch dann signifikant, wenn die antidepressive Therapie selbst nicht mitgezählt wurde. Die Wahrscheinlichkeit einer Polypharmazie war dann immer noch doppelt so hoch wie ohne bzw. um 25 Prozent höher als mit einer anderen psychischen Erkrankung.

Als besonders problematisch erachten die Autoren um Floor Holvast die häufige Verordnung von Wirkstoffen mit anticholinergen und sedierenden Eigenschaften, die sie mithilfe des Drug Burden Index (DBI) erfasst haben. "Anticholinerg und sedierend wirkende Medikamente können körperliche Funktionen, Alltagsaktivitäten und Kognition beeinträchtigen." Den höchsten DBI hatten Patienten mit Depressionen, und zwar auch dann, wenn die antidepressive Medikation außen vor gelassen wurde.

46% höher war die Rate medikamentöser Dauertherapien bei depressiven Senioren verglichen mit psychisch gesunden Kontrollpatienten nach Abgleich der Komorbiditäten.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Arbeitserleichterung

So schenkt KI Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für Patienten

Prävalenz-Vergleich der Kreise

Auffällig hoher Anteil an multimorbiden Menschen in Ostdeutschland

Lesetipps
Aschenbecher mit Zigarettenstummel

© Carlie / stock.adobe.com

Rauchjahre statt Packungsjahre

Lassen sich die Kriterien fürs Lungenkrebs-Screening vereinfachen?