Ärzte Zeitung online, 16.08.2017
 

Bipolarität

Jeder achte Suizid könnte sich mit Lithium vermeiden lassen

Unter Lithium versuchen sich Bipolarpatienten seltener selbst zu töten als unter Valproat. Eine konsequente Lithiumtherapie könnte danach jeden achten Suizidversuch bei solchen Patienten verhindern.

Von Thomas Müller

Jeder achte Suizid könnte sich mit Lithium vermeiden lassen

Suizidgefährdete unter Lithiumtherapie versuchen sich seltener zu töten als ohne die Therapie.

© Jitalia17 / Getty Images / iStoc

STOCKHOLM. Lithium gilt nach wie vor als wirksamstes Medikament gegen suizidale Absichten. Besser als Placebo wirkt es auf jeden Fall, ob es aber die am stärksten gefährdete Gruppe psychiatrischer Patienten stärker schützt als das ebenfalls häufig verordnete Valproat, ist nicht gesichert. In kleineren randomisierten Vergleichsstudien zeigten Bipolarpatienten keine signifikanten Unterschiede bei suizidalen Ereignissen.

Das könnte auch schlicht daran gelegen haben, dass solche Studien zu wenig Teilnehmer hatten, schließlich sind Suizidversuche auch bei Bipolarpatienten nicht an der Tagesordnung, geben Ärzte um Dr. Jie Song vom Karolinska Institut in Stockholm zu bedenken. Möglicherweise lassen sich aus großen Langzeitbeobachtungen besser begründete Schlüsse ziehen. Diese haben natürlich wieder ihre eigenen Fehlerquellen, werden jedoch intraindividuelle Vergleiche herangezogen, müssten sich die meisten Irrwege bei der Datenauswertung vermeiden lassen.

14 Prozent weniger Suizidversuche

Das Team um Song versuchte sich mit einem solchen Ansatz an den großen schwedischen Patientenregistern. Die Ärzte identifizierten knapp 52.000 Bipolarpatienten und beobachteten deren Schicksal anhand von Akten und Registern aus den Jahren 2005 bis 2013 (Am J Psych 2017, online 9. Juni). Knapp 4650 Patienten (neun Prozent) versuchten sich in diesem Zeitraum selbst zu töten, 590 (ein Prozent) gelang dies auch. Insgesamt verzeichneten die Ärzte mehr als 10.600 Suizidversuche – einige Patienten legten also mehrfach Hand an sich.

Etwa die Hälfte aller Patienten hatte im Verlauf weder Lithium noch Valproat bekommen, was die Studienautoren damit erklären, dass viele der Betroffenen über 50 Jahre alt waren und ihre Medikation abgesetzt hatten. 41 Prozent nahmen im Beobachtungszeitraum zumindest zeitweise Lithium, 16 Prozent Valproat. Die Forscher schauten nun bei den Patienten mit Suiziden und Suizidversuchen, wie häufig diese unter Valproat, Lithium oder ohne diese Medikamente auftraten. Insgesamt standen solche Patienten nur zu einem Fünftel der Zeit unter Phasenprophylaktika.

Es ergab sich, dass suizidale Handlungen unter Lithium zu 14 Prozent seltener auftraten als in Phasen, in denen dieselben Patienten kein Lithium nahmen. Für Valproat wurde ein solcher Effekt nicht beobachtet, die Rate suizidaler Handlungen war unter dem Antikonvulsivum um nicht signifikante zwei Prozent erhöht. An den Resultaten änderte sich wenig, wenn die Ärzte unterschiedliche Zeiträume oder Patientencharakteristika betrachteten – unter Lithium war die Rate für suizidale Handlungen stets reduziert, nicht aber für Valproat.

Jeder achte Suizid vermeidbar

Da die Patienten mit suizidalen Handlungen nur über 18 Prozent der Beobachtungszeit Lithium erhalten hatten, berechneten die Ärzte um Song, dass zwölf Prozent solcher Handlungen hätten vermieden werden können, wenn alle Suizidgefährdeten die gesamte Zeit über Lithium genommen hätten. Insgesamt ließe sich durch eine Lithiumtherapie also jeder achte Suizid und Suizidversuch bei Bipolarpatienten vermeiden, lautet ihre Schlussfolgerung. Bei suizidgefährdeten Bipolarpatienten sollten Ärzte stets auch eine Lithiumtherapie erwägen, schließen Song und Mitarbeiter aus der bislang größten Registeranalyse zu diesem Thema.

12% der suizidalen Handlungen

hätten sich den Studienautoren zufolge verhindern lassen, wenn alle Suizidgefährdeten durchgängig Lithium eingenommen hätten.

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