Ärzte Zeitung online, 01.04.2018

Depressionen

Miese Stimmung nach Klappenersatz führt oft zum Tod

Eine Depression bei Patienten, die sich einer Aortenklappenintervention unterziehen, ist kein gutes Zeichen: Die Sterberate im ersten Jahr nach dem Eingriff ist um das Zwei- bis Dreifache erhöht.

Von Thomas Müller

Miese Stimmung nach Klappenersatz führt oft zum Tod

Kanadische Forscher habe einen Zusammenhang gefunden: Depressive Patienten haben nach Herzklappen-Ersatz ein höheres Risiko zu sterben.

© Andrei Korzhyts / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

MONTREAL. Herzkranke haben bekanntlich eine relativ schlechte Prognose, wenn sie zusätzlich noch unter einer Depression leiden – die Sterberate ist nach Studiendaten dann teilweise mehr als doppelt so hoch wie bei Patienten ohne psychische Probleme.

Als Gründe werden sowohl eine schlechte Compliance, ein ungesunder Lebensstil als auch proentzündliche Auswirkungen einer überaktiven Stressachse diskutiert.

In welchem Ausmaß eine Depression die Prognose nach Herzklappenintervention beeinflusst, haben Forscher um Dr. Laura Drudi vom Jewish General Hospital in Montreal untersucht (JAMA Cardiol 2018; 3:191-197).

Sie bestätigen mit ihrer Studie FRAILTY-AVR (Frailty Aortic Valve Replacement) die bisherigen Erkenntnisse: Auch Patienten mit Herzklappenersatz sterben deutlich früher, wenn sie zusätzlich trübe gestimmt sind. Die Sterberate ist vor allem dann erhöht, wenn die Stimmung über ein halbes Jahr hinweg im Keller verweilt.

Die prospektive Studie FRAILTY-AVR wurde primär initiiert, um den Einfluss der Gebrechlichkeit auf das Resultat eines Klappenersatzes zu untersuchen. Die Studienärzte prüften zu Beginn sowie nach sechs und zwölf Monaten aber auch den kognitiven und emotionalen Status der Patienten. Dies ermöglicht Aussagen zur Auswirkung einer Depression auf die Prognose.

Studie mit 1035 Teilnehmern

Teilnehmer der Untersuchung waren 1035 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 81 Jahren, die sich an 14 vorwiegend kanadischen Zentren einer Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) oder einer Op zum Klappenersatz unterzogen. Erfasst wurde eine Depression mit einem relativ simplen Werkzeug, einer ultrakurzen Version der "Geriatric Depression Scale (GDS)".

Die GDS besteht in dieser Form aus fünf Fragen, etwa "Fühlen Sie sich hilflos/gelangweilt/wertlos/unzufrieden?". Werden mindestens zwei Fragen bejaht, wird von einer Depression ausgegangen.

Zum Beginn der Studie und zum Zeitpunkt des Eingriffs zeigte knapp ein Drittel der Befragten Hinweise auf eine Depression, nur 89 (9 Prozent) hatten jedoch eine Depressionsdiagnose. Die Patienten mit auffälligen Depressionswerten waren gehäuft Diabetiker sowie Hypertoniker, auch litten sie vermehrt an zerebrovaskulären Erkrankungen und COPD, zudem waren sie anhand eines speziellen Fragebogens vermehrt als gebrechlich eingestuft worden (55 versus 33 Prozent ohne Depression)

Insgesamt hatten Patienten mit depressiven Symptomen auch aus anderen Gründen schlechtere Karten als solche ohne getrübte Stimmung.

Ein Monat nach dem Eingriff waren 7,4 Prozent der Patienten mit depressiven Symptomen gestorben, aber nur 3 Prozent der Patienten ohne Anzeichen einer Depression. Wurden Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen und Gebrechlichkeit berücksichtigt, lag die Sterberate bei den Depressiven immer noch etwa doppelt so hoch (Odds Ratio, OR = 2,2). Eine depressive Stimmung erwies sich sogar als einziger unabhängiger Faktor für den vorzeitigen Tod.

Deutlich erhöhte Sterberate

Ein Jahr nach dem Eingriff waren 19 Prozent der Depressiven gestorben, aber nur 12 Prozent der Patienten ohne Hinweise auf Depression. Nach Berücksichtigung von Begleitfaktoren und Gebrechlichkeit konnten die Forscher noch immer eine deutlich erhöhte Sterberate bei den Patienten feststellen, die zum Beginn depressiv gestimmt waren (OR = 1,53).

Die Forscher analysierten auch den Verlauf der Depression: Für Patienten, die bei allen drei Befragungen depressiv waren, berechneten sie ein dreifach erhöhtes Sterberisiko (OR = 3,0). Trat die Depression nach sechs Monaten neu auf, kamen sie auf ein zweieinhalbfach erhöhtes Sterberisiko (OR = 2,5), war die anfänglich depressive Stimmung nach sechs Monaten verschwunden, fanden sie nur noch ein moderat erhöhtes Risiko (OR = 1,6).

Die Autoren um Drudi schließen aus ihrer Studie, dass eine Depression bei Patienten mit Aortenklappenersatz zum einen deutlich unterdiagnostiziert ist, zum anderen das Sterberisiko unabhängig von anderen Faktoren stark erhöht, und zwar solange, wie die miese Stimmung anhält.

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