Ärzte Zeitung, 15.02.2006

"Wenn ich anfange abzunehmen, werde ich nicht mehr aufhören"

Heidi Klums TV-Serie "Germany's Next Topmodel" steht weiter in der Kritik / Magersüchtige sagt über die Sendung: "Das ist bedenklich!"

Von Elke Silberer

Top-Model Heidi Klum wehrt sich öffentlich gegen die Vorwürfe, ihre Fernseh-Castingshow treibe Mädchen in die Magersucht. Die Kritik an ihrer Sendung hält weiter an. Foto: dpa

Claudia hat die jungen Frauen im Fernsehen gesehen, die alle ein Topmodel wie Heidi Klum werden wollen. Sie kann es verstehen, wenn sie hungern, um schön zu sein. Claudia kennt das. Sie selbst ist 1,70 Meter groß. In ihren schlimmsten Zeiten hat sie 37 Kilogramm gewogen und war dem Tod näher als dem Leben.

Heute weiß sie, daß sie magersüchtig ist. Das Model-Casting "Germany's Next Topmodel" auf ProSieben, das heute wieder gesendet wird, löst bei ihr Unbehagen aus: "Das ist bedenklich!", sagt sie zu der in die Kritik geratene TV-Show.Claudia ist 21 Jahre alt.

Sie hat ein Studium begonnen und lebt mit einer Freundin zusammen. Sie fühlt sich gut. Doch sie weiß, wie zerbrechlich dieses normale Leben sein kann. Da ist die Sehnsucht, wieder dünn zu sein. "Wenn ich einmal anfange abzunehmen, dann werde ich nicht mehr aufhören", ist sich Claudia sicher - selbst, wenn es sie das Leben kostet.

Vor einem halben Jahr lebte Claudia noch in Aachen in einer Wohngruppe für magersüchtige Mädchen. Mit allen Tricks versuchte sie sich ums Essen zu drücken: Gekochte Kartoffeln verschwanden vom Teller in die Hosentasche.

Käsescheiben steckte sie blitzschnell weg, und die Butter vom Brot landete abgekratzt unter dem Stuhlsitz. Für Einflüsse von außen hat sie eine Antenne. Sie kann sich vorstellen, daß die Klum-Sendung bei Mädchen zu Eßstörungen führen kann und steht damit auf der Seite der Kritiker.

"Daß so eine Sendung so etwas allein bewirkt, ist ziemlich unwahrscheinlich", sagt Professor Michael Schulte-Markwort. Mädchen müssen empfänglich für Eßstörungen sein, stellt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie fest. Das hänge von genetischen und familiären Faktoren ab und vom gesellschaftlichen Schönheitsideal. Mit der Model-Casting-Show trage Heidi Klum aber sicher zum Schönheitsideal von dünn und mager bei.

Nachdem sich das Top-Model Klum inzwischen gegen Kritik an ihre Sendung gewehrt hatte, meldeten sich ihre Kandidatinnen in ganzseitigen Zeitungsanzeigen, abgebildet in Push-Up-BHs, als Fürsprecherinnen zu Wort. "Um es klar zu sagen: Bei den Dreharbeiten muß niemand hungern. Im Gegenteil: Die Büfetts sind superlecker", hieß es unter anderem darin.

Heidi Klums Castingshow profitierte jedoch nicht von dieser Werbung und auch nicht von ihrem Talk-Show-Auftritt bei "Beckmann": Die dritte Ausgabe der Sendung, ausgestrahlt nach der Anzeige, hatte weniger Zuschauer als die ersten beiden Folgen. Um 20.15 Uhr schalteten nach Senderangaben 2,48 Millionen (7,2 Prozent Marktanteil) die Show ein. Die ersten beiden Ausgaben hatten noch 2,7 Millionen Zuschauer.

Als Claudia krank wurde, hatte sie massive persönliche Probleme. Die damals 15jährige war Leistungssportlerin. Nach einem Streit mit dem Trainer warf sie die Brocken hin. "Mein Vater sprach deshalb ein halbes Jahr nicht mehr mit mir", sagt sie. Weil sie keinen Sport mehr trieb, nahm Claudia zu. Sie begann mit einer Diät. Und schließlich wollte sie nicht mehr essen. "Alle sagten, du bist krank. Ich hab gedacht, das ist Quatsch."

Etwa 70 Prozent der magersüchtigen Mädchen werden nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geheilt. "Ich bin noch nicht gesund. Es ist auch fraglich, ob ich jemals gesund werde", sagt Claudia. Doch sie ist viel weiter, als sie noch vor einem halben Jahr in der Wohngruppe gehofft hatte. Wenn sie das Foto ansieht, auf dem sie abgemagert aus dunklen Augenhöhlen in die Kamera blickt, findet sie sich jedoch auch heute noch darauf schön. (dpa)

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