Ärzte Zeitung, 14.11.2006

"Skelettgleiche Models verherrlichen Dünnheit"

Nach Spanien will nun auch Italien verstärkt gegen magere Models vorgehen / Ministerin setzt aber auf den Dialog

ROM (dpa). Internationale Supermodels wie die Britin Lily Cole oder die Kanadierin Heather Marks, die bei einer Größe von fast 1,80 Metern kaum die 50-Kilo-Marke erreichen, könnten es demnächst auf italienischen Laufstegen schwer haben. Giovanna Melandri, Ministerin für Jugendpolitik, will Mager-Models von den Laufstegen verbannen (die "Ärzte Zeitung" berichtete kurz).

Das britische Supermodel Lily Cole könnte ob ihres BMI in Italien bald Probleme bekommen. Foto: dpa

Melandri hat deshalb Stardesigner von Mailand bis Rom dazu aufgerufen, bei ihren Defilées keine "Skelette" mehr als Schönheitsideal vorzuführen. "Wir müssen uns verbünden und zusammenarbeiten, um ein Phänomen anzugehen, das allein in Italien zwei Millionen Mädchen betrifft", erklärte die Ministerin.

Spanien hatte bereits vor wenigen Monaten gegen zu hagere Kleiderständer mobil gemacht - und mehreren Models wegen "Untergewichts" die Teilnahme an einer Modenschau in Madrid verboten (wir berichteten). Dabei hatten staatliche Ernährungsexperten Kontrollen vorgenommen. Sie stützten sich dabei auf Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Models durften einen Körpermaßindex von 18 (beispielsweise 56 Kilo bei einer Größe von 1,75 Metern) nicht unterschreiten.

Italiens Jugend-Ministerin Melandri hält jedoch nichts von so harten Methoden: "Die Initiative in Spanien war übertrieben", sagt sie. "Ich will nichts verbieten, Vorschriften nutzen sowieso nicht."

Die italienische Jugend-Ministerin hofft hingegen auf eine gemeinsame Initiative mit Italiens Stardesignern, von Valentino bis Versace. Ziel ist es, Modelle mit "normalen Kleidergrößen" auf den Laufsteg zu bringen. Und sie stößt auf offene Ohren. "Ich habe immer echte Frauen für meine Schauen gewählt, nie kleine Mädchen mit zerbrechlichen Körpern", betont Mode-Ikone Donatella Versace.

Auch Giorgio Armani stimmt in den Chor mit ein und erklärt, allzu magere Models könnten seine Kreationen gar nicht richtig vorführen. Und Gianfranco Ferré - selbst ein Schwergewicht - meint: "Die Mode ist ein Ausdruck für die Liebe zum Leben und zur Schönheit - und Frauen, die nur Haut und Knochen sind, habe ich noch nie faszinierend gefunden."

Das Thema Models und Magersucht ist schon seit langem ein heißes Eisen. Nach der Ära der Models mit weiblichen Formen wie Claudia Schiffer oder Cindy Crawford hat sich international ein Trend nach immer jüngeren, immer dünneren Modellen durchgesetzt.

Als "elfengleich" werden sie gepriesen - und dienen jungen Mädchen in aller Welt als Vorbild für die eigene Figur. "Im Kampf gegen Magersucht spielt die Mode eine wichtige Rolle. Defilées mit skelettgleichen Models verherrlichen die Dünnheit, und das darf nicht sein", kommentierte auch die Zeitung "Il Messaggero".

Dennoch, das Thema ist komplex. Psychologen verweisen darauf, daß Anorexie vielfältige Gründe haben kann und oft psychosomatische Ursachen hat.

Und auch die in Cattolica geborene Designerin Alberta Ferretti ist überzeugt: "Es ist nicht allein die Schuld der Mode, wenn Dünnheit zu einem Statussymbol geworden ist", sagt sie. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Dünnheit mit gesellschaftlichem Erfolg gleichgesetzt wird. Und diese Logik muß zunächst einmal bekämpft werden."

Lesen Sie auch:
Jedes zehnte magersüchtige Mädchen stirbt

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »