Ärzte Zeitung, 14.11.2008

Neue Einblicke in die Genetik bei MS

In großen Analysen gelang es jetzt, Genvarianten zu identifizieren, bei denen das MS-Risiko erhöht ist

HAMBURG (mut). Obwohl Multiple Sklerose (MS) zu etwa 15 bis 20 Prozent genetisch bedingt ist, bleibt noch weitgehend unbekannt, welche Erbfaktoren das MS-Risiko bestimmen. Über große FallKontroll-Studien gelang es jetzt immerhin, einige Gene zu identifizieren, die mit einem erhöhten Risiko für MS einhergehen.

Neue Einblicke in die Genetik bei MS

Wesentlich mehr Frauen als Männer erkranken nach neuen Studiendaten an MS.

Foto: bilderbox©www.fotolia.de

Im Gegensatz zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson, die, wenn auch selten, von einzelnen Gendefekten ausgelöst werden können, sind bei MS keine genetischen Faktoren bekannt, die zwingend zur Erkrankung führen. Allerdings müssen genetische Faktoren auch bei MS sehr bedeutsam sein, denn Verwandte ersten Grades von Erkrankten haben ein etwa 15-fach erhöhtes Risiko, selbst eine MS zu bekommen, hat Dr. Stephen Sawcer von der Universität Cambridge in Großbritannien berichtet.

Bei MS sei davon auszugehen, dass es viele Genvarianten gibt, die das Erkrankungsrisiko jeweils nur geringfügig erhöhen. Ein hohes Erkrankungsrisiko würde danach bei Personen bestehen, die viele dieser Genvarianten akkumuliert haben, sagte Sawcer auf dem Neurologen-Kongress in Hamburg.

Bis vor kurzem kannte man jedoch nur eine dieser Genvarianten, eine Veränderung in einem der Gene für den Haupthistokompatibilitäts-Komplex II (MHC II). Dieser Proteinkomplex wird bekanntlich nur in Antigen-präsentierenden Zellen exprimiert und präsentiert den Immunzellen Fragmente von Erreger-Eiweißen. Personen mit einer bestimmten Variante des Gens HLA-DRB1, das für eine Untereinheit des MHC kodiert, haben ein dreifach erhöhtes MS-Risiko. Etwa ein Viertel der Bevölkerung trägt diese Variante.

Dieser Risikofaktor sei schon seit vielen Jahren bekannt. In der Zwischenzeit habe es immer wieder Publikationen zu kleineren Fall-Kontrollstudien gegeben, in denen die Autoren reklamierten, neue Risiko-Gene gefunden zu haben. Bei den meisten dieser Publikationen könne man jedoch davon ausgehen, dass es sich um Zufallsbefunde handelt, sagte Sawcer. Als Grund nannte der MS-Spezialist die geringen Fallzahlen in den Studien. Um eine Risiko-Erhöhung um 30 Prozent nachweisen zu können, bei einem Allel, das eine Prävalenz von etwa zehn Prozent hat, müsse man mindestens 2000 MS-Patienten mit ebenso vielen Kontrollen untersuchen.

In zwei Studien mit bis zu 4000 Teilnehmern pro Gruppe ließen sich jetzt erstmals vier weitere Risikogene identifizieren. Zwei davon sind Varianten von Interleukin-Rezeptoren (IL2 und IL7). Sie erhöhen das MS-Risiko jeweils um 22 und 17 Prozent. Insgesamt können die bisher bekannten Genvarianten erst ein Zehntel des genetisch bedingten Risikos erklären. Es müssen also noch viele weitere Gene an der Krankheit beteiligt sein, so Sawcer. Um diese zu identifizieren, seien Allel-Vergleiche mit noch größeren Gruppen nötig. Geplant werden jetzt Fall-Kontrollstudien mit jeweils 10 000 MS Kranken und ebenso vielen Gesunden.

Gene und Wohnort beeinflussen MS-Risiko

Das Risiko, an MS zu erkranken, ist sowohl von genetischen Faktoren als auch von Umweltbedingungen, etwa dem Wohnort abhängig. So haben Europäer, Nordamerikaner und Australier ein höheres Erkrankungsrisiko als etwa Asiaten und Afrikaner. Zugleich scheint das Risiko von Norden nach Süden abzunehmen: Nordeuropäer erkranken öfter an MS als Südeuropäer. Wandern Menschen noch vor der Pubertät in andere Länder aus, verändert sich auch ihr MS-Risiko entsprechend. Nach der Pubertät hat der Wohnort offenbar einen geringeren Einfluss, so Professor Bernhard Hemmer von der TU München. Verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das Geschlechterverhältnis. War das Risiko für Frauen, an MS zu erkranken, in der Vergangenheit um den Faktor 1,5 höher als bei Männern, so hat sich der Unterschied inzwischen auf den Faktor 2,5 erhöht. Die Prävalenz der MS liegt in Deutschland etwa bei 150 pro 100 000 Einwohner. Jährlich erkranken 4500 Menschen neu. (mut)

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