Ärzte Zeitung, 20.02.2007

Schwangere gewöhnen sich mit Hilfe regelmäßiger Anrufe das Rauchen ab

Pilotprojekt in Dresden zeigt Erfolg / Auch Mütter von Kleinkindern werden betreut

DRESDEN (dpa). Zigarettenrauch ist für Kinder besonders schädlich, das bestreitet niemand. Vor allem in der Schwangerschaft sollen werdende Mütter nicht rauchen. Doch für einige Mütter oder Schwangere ist die Sucht zu groß. 2003 gründeten der Verein Schlafmedizin Sachsen und der Verein Babyhilfe Deutschland als Pilotprojekt eine deutschlandweit geschaltete Telefonberatung: die proaktive Raucherberatung für Schwangere und Mütter von Säuglingen.

Proaktiv bedeutet, dass nicht die Betroffenen zum Hörer greifen, sondern angerufen werden - nicht nur einmal, sondern in regelmäßigen Abständen, meist bis das Baby ein Jahr alt ist. Beate Walter, eine der vier Beraterinnen, kann sich gut in ihre Klientinnen hineinversetzen. Auch sie gehörte früher zur rauchenden Fraktion. Als sie schwanger wurde, hörte sie allerdings von einem Tag auf den anderen damit auf.

"Wichtig bei den Gesprächen ist es herauszufinden, in welchen Situationen bevorzugt zur Zigarette gegriffen wird und welche Entzugssymptome auftreten", sagt die Diplompsychologin. Dann könne sie in den Einzelgesprächen individuelle Strategien entwickeln und Ersatzhandlungen für das Rauchen finden.

Der Erfolg des Pilotprojektes kann sich sehen lassen und hat sich inzwischen auch herumgesprochen, sind sich die Initiatoren einig. Von den bislang 211 betreuten Frauen haben fast 26 Prozent das Rauchen komplett aufgegeben, immerhin 42 Prozent greifen seltener zur Zigarette. Etwa zehn Prozent der beratenen Frauen stammen nicht aus Sachsen.

"Eine Schwangerschaft ist die größte Motivation, mit dem Rauchen aufzuhören", meint Professor Ekkehardt Paditz. Er ist Vorsitzender der Babyhilfe Deutschland und Initiator des Pilotprojektes. Am Uniklinikum Dresden untersuchte Paditz Ursachen für den Plötzlichen Kindstod. Rauchen, so der Mediziner, erhöht das Risiko der Säuglingssterblichkeit um das Achtfache. Das Team um Paditz arbeitet eng mit Frauenärzten und Hebammen zusammen. In deren Praxen werden Schwangere auf die Raucherberatung aufmerksam gemacht und können ihre Telefonnummern hinterlassen.

Auch Sindy Schnabel aus Dresden wurde von ihrer Gynäkologin angesprochen und hat diese Chance genutzt. Seit der Geburt ihrer Tochter raucht die junge Frau zwar wieder die eine oder andere Zigarette, aber während der Schwangerschaft hatte sie es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Als Kontrolle habe sie die Anrufe nicht empfunden. "Mir hat das unheimlich geholfen, weil jemand von außen drauf gesehen hat."

Im Januar wurde die Babyhilfe Deutschland für ihr Engagement belohnt. Sie gehörte zu den Preisträgern des 1. Sächsischen Gesundheitspreises der AOK Sachsen und erhielt 10 000 Euro. Ein Teil des Preisgeldes fließt in die Raucherberatung. Inzwischen hat sich ein Nachahmer gefunden. Auch in Hamburg gibt es seit Oktober 2006 eine solche Telefonberatung. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der dortigen Universität und der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung.

Die Ärztin Katharina Heisch von der Kinder- und Jugendklinik des Neustädter Krankenhauses in Dresden ist von Anfang an dabei und weiß, dass sie und ihre Kolleginnen keine Wunder vollbringen können. "Frauen, die zehn Jahre lang täglich zwei Schachteln Zigaretten rauchen, werden nicht von heute auf morgen aufhören." Aber jede nicht gerauchte Zigarette sei gut für das Kind.

Dresdner Raucherberatungstelefon: 0 18 05-099 555; Hamburger Raucherberatungstelefon: 0 18 05-50 59 09. Informationen finden Sie auch im Internet unter www.babyschlaf.de und www.hag-gesundheit.de/documents/pateras__179.pdf

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