Ärzte Zeitung, 05.10.2007

Ein Sozialpädagoge auf der Wiesn wacht über den Durst Jugendlicher

Beratung junger Menschen nach einem Vollrausch / Jugendschutz wird streng kontrolliert

MÜNCHEN (ddp). Klaus Joelsen wünscht sich oft, er hätte die Jugendlichen vorher über die Auswirkungen des Alkohols aufklären können. Wenn während der Wiesn immer wieder junge Menschen im Vollrausch erst auf der Sanitätsstation und später in seinem Büro landen, lautet einer von deren Standardsätzen: "Aber ich habe doch gar nicht so viel getrunken."

Und immer wieder muss er dann fragen: "Wann hast du denn in deinem Leben schon in kurzer Zeit zwei Liter Bier getrunken?" Joelsen ist Sozialpädagoge an der Kinder- und Jugendschutzstelle in München und jedes Jahr mit eigenem Büro auf der Wiesn vertreten. Unterstützt von vier Studenten versucht er, zu verhindern, dass Jugendliche unter 16 Jahren an Alkohol kommen - unter anderem durch permanente Fußstreifen. "Die Wiesn ist das am besten kontrollierte Volksfest der Welt. Aber bei sechs Millionen Besuchern im Jahr kann man nicht verhindern, dass einige durchrutschen", sagt Joelsen.

Zwar beobachte auch er besorgt die zunehmenden Alkoholexzesse von jungen Menschen, aber allein auf dem Münchner Partygelände Kultfabrik gebe es an einem Wochenende mehr jugendliche Alkoholleichen als in einer Wiesnwoche. In den ersten neun Wiesntagen musste das Bayerische Rote Kreuz (BRK) auf dem Oktoberfest 331 stark Betrunkene aufpäppeln.

Davon waren nach BRK-Angaben 32 noch keine 18 Jahre alt. Noch keine 16 und damit in einem Alter, in dem ihnen laut Gesetz kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, waren acht. Damit wurde eine Woche vor Ende des Oktoberfestes bereits dieselbe Zahl erreicht wie während der gesamten Wiesn des vergangenen Jahres. Nach Angaben von Joelsen standen viele Jugendliche durch den großen Besucherandrang unter dem Druck, viel zu konsumieren, um ihren Platz im Bierzelt nicht räumen zu müssen.

Joelsen sensibilisiert daher jedes Jahr auch die Wirte für den Jugendschutz. Wiesn-Wirte-Sprecher Toni Roiderer unterstützt das: "Wir wollen nicht, dass sich Jugendliche mit Alkohol zuschütten. Wenn die schon so drei, vier Maß haben, bekommen die keine mehr." Bayerns Familienministerin Christa Stewens (CSU) sieht darin allerdings nur ein Lippenbekenntnis. Wenn eine Bedienung Jugendliche erst nach der dritten oder vierten Maß frage, ob es nicht besser wäre, auf alkoholfreie Getränke umzustellen, sei das schon zu spät.

Bei seinen Kontrollen arbeitet das Jugendamt auch eng mit der Polizei zusammen. Mit Zeltstreifen und Kameras wird auf zu junge Trinker geachtet. "Wenn wir etwas sehen, schreiten wir sofort ein", so Wiesn-wachleiter Gerhard Bayer. Er zähle zudem auf die soziale Kontrolle durch Erwachsene. Genau darauf vertraut Joelsen nicht. Laut Gesetz sei es sogar erlaubt, dass Jugendliche in Beisein eines Erziehungsberechtigten schon mit 14 Jahren Alkohol trinken dürfen. "Einmal hat sich ein achtjähriger Junge auf der Heimfahrt von der Wiesn im Taxi übergeben. Er hatte ein Alkoholblutwert von 1,5 Promille. Das Bier hatten ihm die Eltern gegeben", ärgert er sich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Intensives Ausdauertraining bremst frühen Parkinson

Sport lohnt sich: Kommen Parkinsonkranke im frühen Stadium regelmäßig ins Schwitzen, bleiben ihre motorischen Fähigkeiten über mindestens ein halbes Jahr hinweg stabil. mehr »

Wo und wann sich Patienten im Krankenhaus wohlfühlen

Die Bertelsmann Stiftung hat untersucht, wo Patienten ihren Klinikaufenthalt am besten bewerten. Dabei fanden die Analysten interessante Zusammenhänge heraus. mehr »

Krebsüberlebende nach Infarkt oft untertherapiert

Patienten mit Herzinfarkt, die eine Krebsdiagnose in ihrer Anamnese stehen haben, erhalten seltener eine leitliniengerechte Therapie. Das wirkt sich auch auf die Mortalität aus. mehr »