Ärzte Zeitung, 28.07.2014

Nichtraucherschutz

Weniger Suizide in den USA

In US-Staaten mit strengen Maßnahmen zum Nichtraucherschutz sind auch die Selbstmordraten gesunken. Doch hängt das wirklich miteinander zusammen?

ST. LOUIS. Bei Rauchern wurde in Studien im Vergleich zu Nichtrauchern eine zwei- bis vierfach erhöhte Selbstmordrate gefunden. Begünstig also Rauchen Suizide? Haben Raucher vermehrt psychische Erkrankungen? Oder sind psychisch Kranke häufiger Raucher?

Diese Fragen haben US-Wissenschaftler um Dr. Richard Grucza von der Washington University School of Medicine in St. Louis im US-Staat Missouri untersucht (Nicotine Tob Res 2014, online 16. Juli).

Wie lässt sich diese Hypothese aber überhaupt untersuchen? Die Idee der Forscher: Wenn Rauchen das Suizidrisiko beeinflussen sollte, dann müssten ja die Selbstmordraten jener US-Bundesstaaten, in denen in den letzten Jahren strengere Nichtraucherschutzgesetze durchgesetzt worden sind und deshalb die Raucherprävalenz zurückgegangen ist, gesunken sein.

Sie verglichen also die Selbsttötungsraten aller 50 US-Bundesstaaten im Zeitraum von 1990 bis 2004 und setzten sie in Beziehung zu den staatlichen Maßnahmen zum Nichtraucherschutz, die in dieser Zeit durchgesetzt worden sind.

Und tatsächlich: Mit strengeren Maßnahmen zum Nichtraucherschutz in einem Bundesstaat sank auch das Suizidrisiko. Wurde die Tabaksteuer um einen US-Dollar erhöht, sank die Selbstmordrate um 12,4 Prozent (OR: 0,876); tat der Staat etwas für ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen, sank sie um etwa 3 Prozent (OR: 0,965).

Diese Risikoreduktionen waren bei jüngeren Menschen ausgeprägter als bei über 52-Jährigen. Nach Ansicht der Studienautoren passt das zu ihrer These. Denn sie vermuten in dem veränderten Rauchverhalten den Grund dafür, warum das Suizidrisiko nach strengeren Nichtraucherschutz-Maßnahmen gesunken war.

Jüngere Menschen würden öfter rauchen, argumentieren sie, deshalb könnten Vorgaben zum Nichtraucherschutz auf deren Rauchverhalten auch stärker Einfluss nehmen. In der Folge sinke die Raucherprävalenz und diese führte dann zu einer geringeren Selbstmordrate in dieser Altersgruppe.

Einschränkend fügen Grucza und Kollegen allerdings an, dass auch andere Veränderungen in den jeweiligen Bundesstaaten dazu geführt haben könnten, dass die Suizidraten zurückgingen. Auch sei es in Beobachtungsstudien natürlich nicht möglich, einen kausalen Zusammenhang festzumachen.

Die Forscher sind jedoch überzeugt, dass strenge Maßnahmen zum Nichtraucherschutz zu einer Reduktion der Selbstmordraten beitragen können. Sie sehen zudem Anhaltspunkte dafür, dass Rauchen das Suizidrisiko erhöht. (vsc)

[28.07.2014, 19:36:02]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Und wenn das Rauchen nicht das Suizidrisiko erhöht, ...
sondern umgekehrt ein Suizidrisiko zu vermehrtem Rauchen führt? Dann würden Suizidgefährdete eher in US-Bundesstaaten reisen, wo das Rauchen noch weniger reglementiert und limitiert ist, um sich die letzte Zigarette vor dem Freitod anzustecken. Getreu dem Lied von Reinghard Mey: "Gute Nacht Freunde, es wird Zeit für mich zu gehn. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette ..."

Aber wie heißt es so schön in den Schlussfolgerungen unter dem Titel "Probing the Smoking–Suicide Association: Do Smoking Policy Interventions Affect Suicide Risk?" von Dr. Richard Grucza et al.: Diese Ergebnisse liefern Unterstützung für den Vorschlag, dass populationsbasierte Intervenntionen f ü r (warum eigentlich nicht gegen?) das Rauchen das Selbstmord-Risiko senken k ö n n t e n ["Conclusion: These results provide support for the proposition that population interventions for smoking could reduce risk for suicide."]

Oh, wenn man bloß des Englischen mächtig wäre und "for smoking" nicht mit "against smoking" verwechseln würde.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Reykjavik/Iceland)

Originalzitate aus Oxford Journals Medicine - Nicotine & Tobacco Research



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