Ärzte Zeitung online, 07.05.2014

USA

Initiative gegen überflüssige Therapie

So manches wird im Praxisalltag regelhaft durchgeführt, ohne dass es dafür eine Evidenz gibt oder alle Patienten davon profitieren. In den USA hat sich eine regelrechte Bewegung dagegen formiert.

Initiative gegen überflüssige Therapie

Bei akuter, höchstens mäßiggradiger Sinusitis ohne Komplikationen wird von Antibiose abgeraten.

© Stockbyte / photos.com

WIESBADEN. Howard Brody trat mit seinem provokativen Beitrag 2010 im New England Journal of Medicine eine neue Diskussion zu Überdiagnostik und Übertherapie los (N Engl J Med 2010; 362:283-285).

Er forderte, jede Fachgesellschaft solle in ihrem Fachgebiet fünf diagnostische Tests und Therapien nennen, die trotz fehlender Evidenz häufig durchgeführt werden, ohne dass Patienten davon profitieren und möglicherweise sogar mit der Folge, dass Patienten dadurch Schaden nehmen können.

Das führte rasch zur Gründung der Initiative "Choosing Wisely" (www.choosingwisely.org), angeführt von der US-amerikanischen Gesellschaft für Innere Medizin (ABIM), berichtete Sophia Schlette von der Stiftung Gesundheit in Hamburg aus Anlass eines Symposiums beim Internistenkongress in Wiesbaden.

Mittlerweile machen in den USA bereits 70 Fachgesellschaften mit, 60 haben ihre Top 5-Liste der "Do not do it" - zu Deutsch: "Tu's nicht"- publiziert.

Die US-amerikanische Gesellschaft für Familienmedizin ist inzwischen sogar schon bei den "Top 15" angekommen. Die Rangliste wird angeführt von dem Verzicht auf Bildgebung bei unkompliziertem Rückenschmerz, auf Antibiotikaverordnungen bei akuten, höchstens mäßiggradigen Sinusitiden ohne Komplikationen oder auf das DEXA-Screening auf Osteoporose bei Frauen unter 65 und Männern unter 70 Jahren.

"Choosing wisely" soll die Kommunikation von Ärzten mit Patienten zu Überdiagnostik und Übertherapie stärken und die gemeinsame Entscheidungsfindung unterstützen, erläuterte Schette.

Kernprinzip von Choosing wisely sei eine Verhaltensänderung: Die Rückbesinnung auf ärztliche Grundprinzipien wie Professionalität, Authentizität und soziale Verantwortung. Die begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen müssten gerecht verteilt werden. Das sei nicht nur ein Problem in den USA. Jüngst habe auch Kanada eine eigene Kampagne begonnen. In Amsterdam fand im April ein vom "British Medical Journal" initiiertes Treffen mit großer Beteiligung aus ganz Europa statt.

Partizipative Entscheidungsfindung

Aktuell überlegen Professor Manfred Gogol und Dr. David Klemperer von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, die Kampagne auch auf Deutschland zu übertragen. Anzeichen für Überversorgung gebe es schließlich auch hier.

Klemperer nannte zum Beispiel regionale Unterschiede in Operationsraten. So werde in Kloppenburg bei Kindern achtmal häufiger eine Tonsillektomie vorgenommen als in Oberbayern - so etwas könne nicht nur medizinische Gründe haben.

Bei der Initiative geht es aber nicht um das Vorenthalten von notwendigen medizinischen Leistungen, betonte Klemperer. Kern sei vielmehr das Shared Decision Making im ureigensten Sinne.

Die "partizipative Entscheidungsfindung" habe sich in Deutschland weder als Wort noch in seinem vollen inhaltlichen Umfang ausreichend durchgesetzt. Dabei sei dies eigentlich im neuen Patientenrechtegesetz ausdrücklich verankert.

Zum Shared Decision Making gehöre das Eruieren der Patientenpräferenzen, die Darstellung der Chancen und Risiken der vorhandenen Optionen, die patientenzentrierte Diskussion und durchaus auch das Erläutern der eigenen Präferenz als Arztes, um dann gemeinsam eine Entscheidung zu treffen.

Es gebe zwar - gerade bei älteren Patienten - durchaus noch einige, die den "Halbgott in Weiß" ausdrücklich wünschten, manche Patienten würden diese Haltung aber auch nur einnehmen, um ein braver Patient zu sein und wären doch froh, wenn der Arzt mit ihnen auf Augenhöhe über Diagnostik und Therapie spreche.

Klemperer ist klar, dass "Choosing wisely" mit Empfehlungen, die häufig bereits in Leitlinien enthalten sind und dem "Shared Decision Making", das schon im Patientenrechtegesetz verankert ist, für Deutschland eigentlich gar nichts wesentlich Neues bringt.

Aber die Kampagne hat in den USA viele Fachgesellschaften in Bewegung gebracht und motiviert, solche altbekannten Themen mit neuem Engagement anzugehen. Deshalb ist er überzeugt: "Es ist an der Zeit, auch in Deutschland solch einen neuen Anlauf zu nehmen." (fk)

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