Ärzte Zeitung, 22.04.2015

Schmerzen bei Jugendlichen

Mobbing tut richtig weh - oft dauerhaft

Mobbing, körperliche und sexuelle Misshandlungen sowie Konflikte in der Familie begünstigen chronische Schmerzen bei Jugendlichen - und die dauern oft bis ins Erwachsenenalter an. Das zeigt eine aktuelle niederländische Studie.

Von Thomas Müller

Mobbing tut weh - oft dauerhaft

Eine künftige Schmerzpatientin?

© Monkey Business / Fotolia.com

ROTTERDAM. Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen sind keine Seltenheit, in Studien waren je nach Definition ein Zehntel bis ein Viertel der Minderjährigen betroffen.

Problematisch werden solche Schmerzen, wenn sie über Jahre hinweg persistieren: Dann können sie die Leistungen in der Schule beeinträchtigen und die Kinder daran hindern, Hobbys und Freizeitaktivitäten nachzugehen oder sich einen Freundeskreis aufzubauen.

Auch gibt es Hinweise, dass viele Erwachsene mit chronischen Schmerzen schon in der Kindheit unter solchen litten, häufig an Bauch- und Kopfschmerzen oder Schmerzen in den Extremitäten, berichten Psychiater um Jessica Voerman von der Erasmus-Universität in Rotterdam.

Zudem wird berichtet, dass junge Erwachsene mit chronischen Schmerzen in der Kindheit vermehrt missbraucht oder gemobbt worden sind.

Schmerzen bei fast jedem Zehnten

Die Forscher um Voerman haben nun anhand des Rotterdam Youth Monitors (RYM) geschaut, ob sich ähnliche Zusammenhänge auch bei Jugendlichen ergeben.

Sie werteten Angaben von über 15.200 Schülern aus siebten bis neunten Klassen aus, die für den Survey befragt worden waren (Eur J Pain 2015; online 5. März). Die Zahl entspricht knapp 90 Prozent aller Schüler dieser Klassen in der Region Rotterdam.

Beim RYM wurden die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren unter anderem nach chronischen Schmerzen gefragt. Die Forscher verwendeten dazu einen selbst erarbeiteten Fragebogen, der Häufigkeit, Dauer, Lokalisation und Intensität von Schmerzen erfasst.

Als chronisch wurden Schmerzen definiert, wenn sie über drei Monate hinweg regelmäßig auftraten und nicht auf die Menstruation zurückzuführen waren. Dies war bei 9,2 Prozent der Befragten der Fall. Am häufigsten traten die Schmerzen in den Beinen, der Leistenregion oder den Füßen auf (bei etwa 43 Prozent der Betroffenen).

42 Prozent klagten über Kopfschmerzen, 30 Prozent über Rückenschmerz und 21 Prozent über Schmerzen im Bauch-, Hüft- oder Beckenbereich.

Drei Viertel der Betroffenen nannten einen Grund für die Schmerzen: Ein Viertel aller Jugendlichen mit chronischen Schmerzen sah die Ursache in Sportverletzungen, 18 Prozent in übermäßigem Training und 5 Prozent in einer Krankheit. Immerhin 19 Prozent vermuteten Stress als Ursache.

Knapp 70 Prozent waren aufgrund ihrer Schmerzen oder deren Ursachen beim Arzt gewesen, mehr als ein Fünftel sogar in einem Krankenhaus, ein Viertel hatte eine Physiotherapie in Anspruch genommen, etwa 4 Prozent waren bei einem Psychologen.

Chronische Schmerzen wurden deutlich häufiger von Mädchen als von Jungen genannt, auch traten sie mit zunehmendem Alter öfter auf.

Erhöhte Schmerzrate bei Stress

Nun schauten die Wissenschaftler, ob sich ein Zusammenhang von chronischen Schmerzen und Stressfaktoren nachweisen ließ. Wie sich herausstellte, gaben knapp 3 Prozent aller Befragten an, schon einmal von ihren Eltern körperlich misshandelt worden zu sein, und 2,6 Prozent erfuhren körperliche Gewalt von anderen Personen.

Bei den Jugendlichen mit chronischen Schmerzen war der Anteil jeweils doppelt so hoch.

1,7 Prozent der Jugendlichen berichteten über sexuellen Missbrauch, bei denjenigen mit chronischen Schmerzen lag der Anteil bei 4 Prozent. Gemobbt fühlten sich 9 Prozent der Befragten, unter denjenigen mit chronischen Schmerzen waren es 12 Prozent.

Insgesamt stritten sich 35 Prozent der Jugendlichen regelmäßig mit ihren Eltern, auch dieser Anteil war bei denjenigen mit chronischen Schmerzen deutlich höher (51 Prozent).

Keinen signifikanten Zusammenhang gab es hingegen zwischen einer Scheidung der Eltern oder der Art der Schule.

Insgesamt, so die niederländischen Studienautoren, haben Kinder mit chronischen Schmerzen häufiger unter erheblichen Stresssituationen zu leiden und hatten öfter traumatische Erlebnisse zu bewältigen als Kinder ohne Schmerzen.

Auf solche Stressfaktoren zu achten, scheint wichtig zu sein, um chronische Schmerzen bei Heranwachsenden zu verhindern, schreiben sie.

Allerdings kann die Untersuchung nicht immer klar belegen, was Ursache und was Wirkung ist. Gut möglich, dass Kinder auch deshalb gehänselt werden, weil sie aufgrund ihrer Schmerzen in ihren Aktivitäten beeinträchtigt sind.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »