Ärzte Zeitung online, 20.11.2017

Migräne

Weniger Kopfschmerz dank Antikörper

Eine Migräne-Prophylaxe mit CGRP-Antikörpern verspricht eine schnell wirksame und nebenwirkungsarme Therapie, auch bei Patienten mit Medikamentenübergebrauch.

Von Julia Rustemeier

MANNHEIM. Ein Viertel bis die Hälfte der Migränepatienten beenden die Prophylaxe vor dem Erreichen der geplanten Einnahmedauer oder –dosierung, erklärte Dr. Charlie Gaul von der Migräneklinik Königstein beim deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Dies hänge meist mit dem späten Wirkeintritt oder Nebenwirkungen zusammen.

Deshalb sollte die ideale Prophylaxe in seinen Augen vor allem schnell wirksam und verträglich sein sowie Komorbiditäten wie Depression, Angst oder Schlafstörungen nicht verschlechtern und auch nicht mit anderen Pharmaka interagieren.

Einmal monatlich per Spritze

Monoklonale Antikörper wie Erenumab könnten eine neue Option für die Prophylaxe sein. Erenumab ist gegen den Calcitonin Gene-Related Peptide(CGRP)-Rezeptor gerichtet und wird subkutan appliziert. Aufgrund der Halbwertszeit von 23 Tagen erfolgt die Gabe einmal monatlich.

Die bisherigen Studiendaten sähen vielversprechend aus, so Professor Uwe Reuter von der Charité Berlin bei der vom Unternehmen Novartis Pharma unterstützten Veranstaltung. Die Phase-II-Studien zur Wirksamkeit von Erenumab bei episodischer sowie chronischer Migräne seien bereits abgeschlossen.

Und auch die Ergebnisse der Phase-III-Studie mit Patienten mit episodischer Migräne lägen weitgehend vor, jedoch seien diese noch nicht publiziert, erklärte Reuter und präsentierte einige der aktuellen Daten: Mit beiden Dosierungen 70 mg und 140 mg Erenumab konnte bei Patienten mit episodischer Migräne bereits ab dem ersten Anwendungsmonat einen Rückgang der monatlichen Migränetage erzielt werden (-2 Tage).

In den Folgemonaten 4–6 erzielten die Patienten im Erenumab-Arm in beiden Dosierungen eine signifikante Reduktion der Kopfschmerztage um im Mittel 3,2 beziehungsweise 3,7 Tage (Baseline 8,3 Tage) gegenüber Placebo (-1,8 Tage).

Option für chronische Migräne

5 Tage weniger Kopfschmerz hatten Patienten mit chronischer Migräne nach vier Wochen Behandlung mit Erenumab.

Auch bei Patienten mit chronischer Migräne zeigte sich in der bereits abgeschlossenen Phase-II-Studie schon nach vier Wochen ein Rückgang der Migränetage (-5 Tage). Nach drei Monaten Behandlung hatten sowohl die Patienten mit 70 als auch 140 mg des Antikörpers im Schnitt 6,6 Tage weniger Kopfschmerzen, was einem signifikanten Rückgang im Vergleich zu Placebo entsprach (-4,2 Tage; Baseline 18 Tage) (Lancet Neurol 2017; 16: 425–34).

Diese Reduktion zeigte sich sowohl bei Patienten mit Medikamentenübergebrauch (medication overuse headache; MOH) als auch ohne. "Das ist eine wichtige Information, da sie uns zeigt, dass wir Patienten mit MOH nicht erst detoxifizieren müssen und dass wir auch diese gut prophylaktisch behandeln können", sagte Reuter.

Die häufigsten Nebenwirkungen der Erenumab-Prophylaxe waren Schmerzen an der Einstichstelle und Nasopharyngitis. Die Anzahl der Nebenwirkungen wurden in der Behandlungs- sowie in der Extension-Phase ermittelt und auf 100 Patientenjahre hochgerechnet.

Beim Vergleich zwischen Verum- und Placebo-Arm ergab sich kein signifikanter Unterschied in der Nebenwirkungshäufigkeit, auch nicht in der um ein Jahr verlängerten Extension-Phase (Neurology 2017; 89: 1237-43).

"Anders als wir es von vielen Studien mit anderen Präparaten kennen, sind in dieser Phase-III-Studie weniger als 5 Prozent der Patienten innerhalb der drei Monate ausgeschieden, was bedeutet, dass das Präparat sehr gut verträglich sein muss", so Reuter.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten im Konzert? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Orchester bietet beiden eine ganz besondere Konzertreihe - mit drei verschiedenen Formaten. mehr »