Ärzte Zeitung, 21.09.2005
 

Wirbelkörperfusion bringt kaum mehr als Reha-Programm

Vergleichsstudie zur Therapie bei degenerativ bedingten Rückenschmerzen / Geringe Unterschiede sind klinisch unbedeutend

OXFORD (ner). Patienten mit degenerativ bedingten chronischen Rückenschmerzen hilft die chirurgische Stabilisierung der Wirbelsäule offenbar nicht besser als ein intensives Rehabilitationsprogramm.

Die Zahl von Wirbelkörperfusionen aus "degenerativen Gründen" sei in den USA von 1996 bis 2001 von 11 000 auf 37 000 Operationen gestiegen, berichten britische Orthopäden aus Oxford im "British Medical Journal". Sie bezweifeln nach einer landesweiten Studie, daß dies medizinisch gut begründbar ist.

Jeremy Fairbank vom Nuffield Orthopaedic Centre in Oxford und seine Kollegen haben 349 Patienten zwischen 18 und 55 Jahren und mit lumbosakralen Schmerzen seit durchschnittlich acht Jahren entweder mit einer Wirbelkörperfusion behandelt oder mit intensiver Physio- plus Verhaltenstherapie.

Die Op-Technik blieb den Chirurgen überlassen. Das Reha-Programm bestand aus fünfmal wöchentlichen Unterweisungen und Übungen für insgesamt 60 bis 110 Stunden (BMJ 330, 2005, 1233).

Nach zwei Jahren hatte sich der Oswestry low back pain disability index (0 Prozent - nicht behindert, 100 Prozent - vollständig behindert oder bettlägerig) in der Chirurgie-Gruppe von durchschnittlich 47 auf 34 Punkte verbessert, in der Reha-Gruppe von 45 auf 36.

Auch wenn sich die operativ behandelten Patienten um vier Punkte und damit signifikant mehr verbesserten, sei dieser Unterschied aus klinischer Sicht und angesichts der Op- und Narkose-Risiken sowie Kosten gering, so Fairbank. Insgesamt war es intraoperativ zu 19 Komplikationen gekommen, elf Patienten mußten im Studienzeitraum erneut operiert werden.

Allerdings sind ein Viertel der ursprünglich der Reha-Gruppe zugeordneten Patienten dann doch operiert worden. Umgekehrt bedeute dies jedoch, daß drei Viertel der Rückenschmerz-Patienten von der konservativen Behandlung profitiert und damit einen invasiven Eingriff vermieden hätten. Die Briten erwähnen aber auch, daß solch intensive Rehaprogramme in Großbritannien nicht routinemäßig angeboten werden.

Dies erscheint jedoch wünschenswert, betrachtet man nicht zuletzt die Kostenanalyse dieser Studie von Helen Campbell vom Health Economics Research Centre an der Universität Oxford (BMJ 330, 2005, 1239). Die Gesamtbehandlungskosten in der Chirurgie-Gruppe betrugen demnach 7800 britische Pfund pro Patient, die der intensiven Reha 4500 Pfund.

Ein Cochrane-Analyse von zehn Studien habe ergeben, daß nur intensive, multidisziplinäre Reha-Programme wirklich helfen, merkt der niederländische Allgemeinmediziner Professor Bart W. Koes aus Rotterdam in einem Kommentar zur Studie an (BMJ 330, 2005, 1220). Die kürzlich veröffentlichten europäischen Leitlinien trügen dem inhaltlich Rechnung, ebenso wie viele nationale Leitlinien.

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