Ärzte Zeitung, 11.08.2017

Schmerzpatienten

Illusion gegen Schmerzen im Rücken

Hilft allein schon das Beobachten einer Massage gegen Rückenschmerzen? Wissenschaftler forschen über innovative Behandlungsansätze bei chronischen Schmerzen.

Illusion gegen Schmerzen im Rücken

Patienten mit Rückenbeschwerden erfahren offenbar schon Linderung, wenn sie eine Rückenmassage bei anderen am Bildschirm beobachten.

© selimaksan / iStock / Thinkstock

BOCHUM. Sehen Patienten ihren schmerzenden Rücken über einen Bildschirm, lässt der Schmerz offenbar nach: Professor Martin Diers von der Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum (RUB) filmte für seine Untersuchungen den Rücken von Schmerzpatienten und bot dabei experimentelle Schmerzreize dar, während die Patienten auf einem Bildschirm ihren gepeinigten Rücken betrachten konnten. Die Studienteilnehmer berichteten, dass der Schmerz nachließ, wenn sie ihren Rücken sahen, berichtet die RUB in einer Mitteilung.

Zudem stellten die Forscher um Diers fest, dass eine am Bildschirm beobachtete Massage der schmerzenden Stelle schmerzlindernd wirkt: In einem Experiment ließen die Wissenschaftler die Probanden eine Rückenmassage beobachten und zum Vergleich ein Buch auf weißem Untergrund. Sie stellten fest, dass die beobachtete Massage wirksamer ist als die Beobachtung des Buches. Seine Schlussfolgerung: Mithilfe dieser Intervention kann eine Verbesserung der Schmerzintensität beziehungsweise ein Therapieerfolg erreicht werden – lediglich unter Einsatz einer Kamera und eines Computers.

Für Diers steht fest, dass eine verbesserte Wahrnehmung des Schmerzes dabei helfen könnte, gezielte Behandlungsstrategien zu entwickeln, heißt es in der Mitteilung weiter. Diese Methode der "Visuellen induzierten Analgesie" könne ein Therapieansatz sein und in bestehende Therapien integriert werden.

Interessant sei die Methode besonders für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen. Diese können den Schmerz oft nicht lokalisieren und hätten eine diffuse Körperwahrnehmung. "Indem der Patient die betroffene Körperregion betrachtet, werden die Intensität und der Ort des Schmerzes genauer wahrgenommen", wird Diers zitiert. Weitere Forschung sei notwendig, um die Ergebnisse in bestehende Behandlungen zu integrieren und neue Behandlungsformen zu ermöglichen. (eb)

[11.08.2017, 09:51:15]
Thomas Georg Schätzler 
Analog die schmerztherapeutische Spiegel-Behandlung Prof. Dr. Ch. Maier/S. Glaudo (RUB)
"Bochum, 02.05.2006 - Nr. 149 
- Spiegeltherapie hilft gegen Phantomschmerzen
- Optischer Impuls ruft im Gehirn Erinnerungen wach
- RUB-Mediziner patentieren Trainingsgerät   

Mit einem einfachen Trick überlisten Mediziner, Therapeuten und Patienten des RUB-Klinikums Bergmannsheil Phantomschmerzen: Durch einen geschickt platzierten Spiegel sieht es für den Patienten so aus, als sei die Spiegelung des gesunden das amputierte Körperglied. Dieser optische Eindruck ruft im Gehirn eine Erinnerung an den fehlenden Arm oder das Bein wach. Es hört auf, die nicht mehr vorhandenen Eingangssignale aus den Nerven der betroffenen Extremität durch Schmerz zu ersetzen. Die Methode funktioniert auch bei Schlaganfallpatienten, die unter Lähmungen oder Wahrnehmungs-störungen leiden. Prof. Dr. Christoph Maier (Abteilung für Schmerztherapie) und die Ergotherapeutin Susanne Glaudo (Rehazentrum Bergmannsheil) haben zwei Trainingsgeräte entwickelt, die das Üben vor dem Spiegel in der Klinik und zu Hause erleichtern.

Drei Viertel aller Amputierten haben Phantomschmerzen

Drei Viertel aller Amputierten leiden an Phantomschmerzen: Sie spüren im nicht mehr vorhandenen Arm oder Bein Missempfindungen bis hin zu starken Schmerzen. Grund dafür ist, dass es im Gehirn eine Art Abbild des ganzen Körpers gibt, in dem die Empfindungen aus den jeweiligen Körperteilen verarbeitet werden. „Wenn die Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein fehlen, ersetzen bestimmte Zentren im Gehirn diese fehlenden Informationen durch Schmerz“, erläutert Susanne Glaudo. Bislang setzte man bei der Behandlung von Phantomschmerzen vorrangig auf Schmerzmedikamente, die aber oft versagen oder mit starken Nebenwirkungen verbunden sind.

Patienten spüren Berührungen am Phantom

Die Spiegeltherapie bietet nun eine Alternative. „Wenn sich der Patient so vor einem Spiegel platziert, dass für ihn die gesunde Extremität im Spiegel genau so aussieht wie die fehlende, ersetzt der Input über die Augen zum Teil die fehlenden Eingangssignale aus dem amputierten Arm oder Bein“, erklärt Prof. Maier. „Der Schmerz als Ersatzinformation wird dadurch überflüssig.“ Der Effekt lässt sich verstärken, wenn der Patient mit der gesunden Hand, die er nur im Spiegel betrachtet, Geschicklichkeitsübungen macht oder die Hand bzw. das Bein im Spiegel ansieht, während Sinneseindrücke z.B. durch die Berührung mit einer Bürste oder einem Igelball hervorgerufen werden. Diese Empfindungen spüren Patienten nach einiger Übung sogar mehr oder weniger deutlich im Phantom. „Dieser Effekt kann für eine Weile den Schmerz lindern“, sagt Susanne Glaudo. „Einer unserer Patienten ist z.B. nach einer halben Stunde Üben vor dem Spiegel für mehrere Stunden schmerzfrei.“ (Zitat Ende)

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt.Trzebiatów/Polen)
Quelle: http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2006/msg00149.htm
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