Ärzte Zeitung, 31.08.2004

Bei Schleudertrauma meist keine Behandlung notwendig

Unfallschwere korreliert nicht mit Dauer der Beschwerden

BERLIN (gvg). Bei Menschen, die bei einem Verkehrsunfall ein Schleudertrauma erleiden, gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Schwere des Unfalls und den Beschwerden. Das konnten Unfallforscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in langjährigen Studien nachweisen.

Die MHH ist eines der etabliertesten Unfallforschungs-Zentren der Welt. "In 30 Jahren haben wir über 20 000 Unfälle ausgewertet", berichtete Privatdozent Martinus Richter von der MHH-Unfallchirurgie auf dem Hauptstadtkongreß in Berlin.

Untersucht wurde unter anderem das Schleudertrauma: "Es gibt bis heute keine Untersuchungsmethode, die bei Patienten mit Schleudertrauma eine konstante Läsion nachweisen kann", so Richter, der den Begriff "Schleudertrauma" deswegen lieber durch das unverfänglichere WAD ("whiplash-associated disorder") ersetzt sehen möchte.

Von 3838 Unfallopfern, die Richter und seine Kollegen seit 1985 untersucht haben, hätte nach dem Unfall etwa ein Drittel über Halswirbelsäulen-Beschwerden geklagt. Bei der Hälfte davon hielten die Beschwerden mehr als 60 Tage an und wurden deswegen als chronisch klassifiziert.

"Wir konnten in keiner Untersuchung einen Zusammenhang zwischen Art oder Schwere des Unfalls und der Tendenz zur Chronifizierung feststellen", so Richter. "Die einzigen Faktoren, die für den Beschwerdeverlauf relevant waren, waren psychologische". Daß bewußt simuliert wird, glaubt der Chirurg nicht. Eher handele es sich um Beschwerden, die bereits vorher bestanden hätten, ohne besonders registriert worden zu sein und die nach dem Unfall in den Vordergrund rückten.

Von Behandlungen oder gar Krankschreibungen bei WAD-Patienten rät Richter strikt ab. Bei den 98 Prozent, bei denen ein WAD Typ I oder II vorliege (keine neurologischen Ausfälle, keine größeren Frakturen oder Dislokationen), gebe es bei ihm keine Krankengymnastik, keine Nachuntersuchungen und keine Halskrausen. Nur Patienten mit starken Beschwerden erhielten auf Wunsch eine harte Halskrause. Im Vergleich mit der weichen sei diese sehr unbequem, so daß sie niemand länger trage als unbedingt nötig.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »