Ärzte Zeitung, 29.06.2004

Osteoporose-Therapie nicht erst nach Frakturen!

Spezialisten plädieren für eine frühzeitige medikamentöse Fraktur-Prophylaxe inklusive Kalzium und Vitamin D

NEU-ISENBURG (ikr). Präparate mit Kalzium und Vitamin D in freier oder fixer Kombination dürfen nach den neuen Arzneimittelrichtlinien in Ausnahmefällen weiterhin auf GKV-Rezept verordnet werden, etwa bei Patienten mit einer manifesten Osteoporose. Was das konkret für den Praxisalltag bedeutet, darüber haben Spezialisten jetzt bei einer Veranstaltung in Neu-Isenburg diskutiert.

Typischer Rundrücken bei einer Patientin mit multiplen Wirbelfrakturen infolge einer Osteoporose. Foto: ÄZ

Bezahlen müßen die gesetzlichen Krankenkassen nach den neuen Arzneimittelrichtlinien (Bundesanzeiger vom 23.4.2004): "Kalziumverbindungen (mind. 300 mg Kalzium-Ion/ Dosiereinheit) und Vitamin D (freie oder fixe Kombination)

  • nur zur Behandlung bei manifester Osteoporose,
  • nur zeitgleich zur Steroidtherapie bei Erkrankungen, die voraussichtlich einer mindestens sechsmonatigen Steroidtherapie in einer Dosis von wenigstens 7,5 mg Prednisolonäquivalent bedürfen, und
  • nur bei Patienten mit Skelettmetastasen (zur Senkung der skelettbezogenen Morbidität) gemäß Angabe in der jeweiligen Fachinformation des Bisphosphonates."

Nicht genau geklärt ist derzeit jedoch, was in den neuen Arzneimittelrichtlinien mit einer "manifesten Osteoporose" gemeint ist. Geht es etwa um die WHO-Definition? Nach den Kriterien der WHO besteht eine Osteoporose immer dann, wenn sich bei einem Patienten in der Knochendichtemessung ein T-Score von mehr als minus 2,5 ergibt, das heißt die Knochenmineraldichte mehr als 2,5 Standardabweichungen unterhalb der Knochendichte einer gesunden, jungen Frau liegt. Eine manifeste Osteoporose liegt vor, wenn bereits Brüche vorhanden sind.

Und so sehen es praktisch tätige Kollegen: "Wir sollten mit einer effektiven Fraktur-Prophylaxe nicht erst dann beginnen, wenn bereits Brüche da sind, sondern möglichst schon vorher", sagte der Würzburger Internist und Endokrinologe Professor Franz Jakob. "Mit der Hypertonietherapie beginnen wir ja auch nicht erst dann, wenn sich bereits ein Schlaganfall ereignet hat", so der erste Vorsitzende des Dachverbands Osteologie (DVO).

Dieser Meinung schloß sich auch Kollege Dr. Siegfried Götte an. Der Orthopäde ist erster Vorsitzender des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie. Vor allem bei Patienten mit einem hohen Risiko für eine Osteoporose sollte nach dieser Krankheit gefahndet und eine Osteodensitometrie angeboten werden -  auch wenn diese nur noch dann von der GKV bezahlt wird, wenn bereits ein Bruch vorhanden ist. Zur Hochrisikogruppe gehören nach den DVO-Leitlinien etwa Frauen in der Postmenopause, die bereits eine periphere Fraktur ohne Hochenergietrauma hatten, sowie sehr dünne Frauen in der Postmenopause mit einem BMI unter 20 kg/m2.

"Ergibt die Osteodensitometrie nach der DXA (Dual-X-Ray-Absorptiometry)-Methode bei Hochrisiko-Patienten einen T-Score von weniger als minus 2,5, sollte den Patienten - unabhängig davon, ob bereits Frakturen vorliegen - eine adäquate medikamentöse Fraktur-Prophylaxe einschließlich Kalzium und Vitamin D verordnet werden," so Jakob. Der Nutzen einer solchen Behandlung bei Osteoporose-Patienten sei in randomisierten, kontrollierten Studien nachgewiesen. "Wenn wir nach den DVO-Leitlinien behandeln, sind wir auf der sicheren Seite."

Wie wichtig es für eine effektive Osteoporose-Therapie ist, Kalzium und Vitamin D weiterhin zu verordnen, verdeutlichte Hildegard Kaltenstadler, Präsidentin des Bundesselbsthilfeverbandes für Osteoporose: "Aus Gesprächen mit Osteoporose-Kranken wird deutlich, daß sich viele Patienten Kalzium und Vitamin D nicht in der Apotheke selbst kaufen, sondern nur noch die vom Arzt verordneten Medikamente nehmen. Die Patienten denken, wenn der Arzt mir das Mittel nicht verschreibt, kann es auch nicht so wichtig sein."

Einsehen kann man die DVO-Leitlinien unter www.bergmannsheil.de/leitlinien-dvo

STICHWORT

Kalzium und Vitamin D

Calcium ist der wichtigste mineralische Baustein des Skeletts. Bei ungenügender Zufuhr wird in der Kindheit und Jugendzeit die Skelettausbildung beeinträchtigt, und später im Erwachsenenalter wird auf Kosten des Skeletts die Kalzium-Homöostase aufrechterhalten. Vitamin D ist für die enterale Kalziumabsorption und die Mineralisation der Knochenmatrix unverzichtbar. Eine ausreichende Kalzium- und Vitamin-D-Zufuhr ist für den Erhalt frakturresistenter Knochenstrukturen wichtig. Kalzium und Vitamin D gehören bei der Osteoporose-Therapie zusammen. Nur wer genügend Vitamin D hat, kann das eingenommene Kalzium optimal verwerten. Kalzium und Vitamin D sind daher die unverzichtbare Basistherapie. (ikr)

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